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Die Muse küsst ihn wie eh und je
Seinen 85. Geburtstag feiert heute der steirische Komponist Karl Haidmayer. An Ruhestand denkt er deshalb nicht: Am Sonntag tritt er als Pianist auf.

Foto © FuchsKarl Haidmayer lebt mit der und für die Musik
Eigentlich", sinniert Karl Haidmayer, "habe ich noch nie so gut gespielt wie jetzt, weil ich endlich genug Zeit zum Üben habe." Unter Beweis stellen will er seine pianistische Fingerfertigkeit am Sonntag bei einer Matinee, mit der ihm die Musik- und Kunstschule Gratkorn zu seinem 85. Geburtstag gratuliert. Im Karl-Haidmayer-Saal - "der heißt so, weil in ihm meine 15. Symphonie uraufgeführt wurde und deren Partitur dort neben einer Büste von mir ausgestellt ist" - will der Jubilar einen weiten Bogen spannen. Das Programm reicht von frühen Klavierstücken aus dem Jahr 1944 bis zur Uraufführung der "3 konzilianten Klavierstücke", die heuer entstanden sind.
Die Muse küsst ihn nämlich wie eh und je und deshalb umfasst sein Werkverzeichnis bereits über 400 Kompositionen.
96 Stunden Musik
In jungen Jahren hat er sich die Mühe gemacht, die gesamte Spieldauer aller Stücke bestimmter Komponisten zusammenzurechnen. Bei Richard Wagner kam er auf 44 Stunden, beim fruchtbaren Grazer Komponisten Roderich von Mojsisovics, über den er seine Dissertation geschrieben hat, errechnete er sieben Tage. Und sein eigenes ?uvre? "Rund 96 Stunden, also vier Tage Nonstop-Aufführung."
"Leider", klagt er, "kann man heute nicht mehr so lange Stücke schreiben wie früher, weil das für alle zu anstrengend ist. Es fehlt heute die Geduld." Im Rückblick auf seine 85 erfüllten Jahre fällt seine Diagnose der Gegenwart drastisch aus: "Heute sind wir in einer fast kulturlosen Zeit gelandet."
Karl Haidmayer, der im niederösterreichischen Hollabrunn geboren wurde, kam schon als dreijähriger Knabe nach Graz, wo er studiert, unterrichtet und bis vor Kurzem gelebt hat. "Vor drei Jahren bin ich weggezogen, weil ich von der schlechten Luft in Graz Asthma bekam, in meine Wohnung in der Heinrichstraße drei Mal eingebrochen wurde und sämtliche guten Weine gestohlen wurden. Den Wirbel im Univiertel habe ich nicht mehr ausgehalten. In St. Oswald bei Plankenwarth habe ich jetzt wunderbare Ruhe." Dort hat er auch viel Platz für seinen Bösendorfer-Flügel: "Nach achteinhalb Jahren zahle ich jetzt die letzte Rate."
Haidmayer hat am Steiermärkischen Landeskonservatorium Klavier und Komposition studiert und Musikwissenschaft an der Karl-Franzens-Universität. Er trat als Pianist auf, feierte als Komponist Erfolge in aller Welt, urteilte als Rezensent der Kleinen Zeitung über das steirische Musikleben und gab sein Wissen als Kompositionsprofessor an der heutigen Grazer Kunstuniversität und am Wiener Konservatorium weiter. Seine pädagogische Tätigkeit hat er nie als bloße Existenzsicherung betrachtet: "Alles zu seiner Zeit. Ich habe mit Begeisterung unterrichtet."
17 Symphonien
In erster Linie sieht er sich freilich als Komponist, der zu fast jedem Genre - "nur eine Oper hat sich leider nie ergeben, obwohl mich das imaginäre Gespräch zwischen Bach und Händel als Stoff gereizt hätte" - Beiträge geliefert hat. Darunter 16 Symphonien, deren Uraufführungen in Durban, Genf, Gratkorn, Graz, Kaunas, Lassing, Oldenburg, Regensburg, Reykjavik, Wien und Zürich beredt Zeugnis davon ablegen, welch internationales Renommee der Komponist Haidmayer besitzt. Seine Symphonien waren Gegenstand der Dissertation von Karl-Heinz Pöschl, dem Leiter der Musikschule Gratkorn. Dessen Analyse ist mittlerweile unvollständig: "Meine 17. Symphonie harrt ihrer Uraufführung", verrät Haidmayer, der nach Annäherungsversuchen an die Avantgarde zu einem sehr musikantischen, oft rhythmisch geprägten Stil gefunden hat, der breite Akzeptanz fand. Der langjährige Präsident des Steirischen Tonkünstlerbundes, der die Musik zu über vierzig TV-Filmen komponierte, schreibt seine Partituren nach wie vor mit der Hand: "Am Bildschirm kann ich mich nicht konzentrieren."
An Anerkennung hat es Haidmayer nie gefehlt. Er erhielt zahlreiche Preise, und weil er schon alle nur möglichen heimischen Auszeichnungen besitzt, kann er jetzt seine Ordenssammlung nicht mehr erweitern.
350 Briefe
Dennoch geht er mit sich selbst hart ins Gericht. "Ich habe viele Fehler in meinem Leben gemacht, war immer zu schnell", bekennt der Vater zweier Söhne, der nach drei Scheidungen seine vierte Gattin durch Elizabeth T. Spiras Fernsehsendung "Liebesg'schichten und Heiratssachen" kennengelernt hat: "Aus über 350 Briefen habe ich ihren herausgezogen." Die um 21 Jahre jüngere Innsbrucker Floristin Zäzilia, die er "Guggi" nennt, bescherte ihm neues Glück: "Sie hat mich wachgerüttelt, macht meine Buchhaltung und organisiert alle meine Termine."
Matinee zum 85. Geburtstag von Karl Haidmayer: 6. Mai, 11 Uhr, Karl-Haidmayer-Saal, Musik- & Kunstschule Gratkorn. Karten: Tel. (0 31 24) 22 38 2.
Features
Zur Person
Karl Haidmayer, geboren am 1. Mai 1927 in Hollabrunn (NÖ).
1946: Erster öffentlicher Auftritt als Komponist.
1952: Promotion zum Dr. phil. in Graz (Dissertation über Roderich von Mojsisovics).
1953: Künstlerische Reifeprüfung am Steiermärkischen Landeskonservatorium (Klavier, Komposition und Theorie).
1963 bis 1992: Professor an der heutigen Kunstuniversität Graz.
1979 bis 1993: Präsident des Steirischen Tonkünstlerbundes.








