Ihre Neugierde lässt Olympia noch immer klangvoll rattern
Liebe Frau Franz, 80 waren Sie schon? Bloß eine Zahl. Jedoch, den Sprung ins kalte Buchstabenwasser hatten Sie als Reporterin längst getan, als ich noch schön grün hinter den Ohren war. Versuch einer Würdigung.

Foto © Bettina OberrainerHelene Franz
Liebe Frau Franz, was war das für ein strenger Blick, dem Sie gleich die skeptische Frage nachschossen, für welche Zeitung ich denn schreibe?! Gewiss, sitzt da plötzlich jemand, frisch von der Uni und noch schön grün hinter den journalistische Ohren, bei dieser Pressekonferenz damals in Judenburg und wildert quasi in Ihrem Revier.
Sprung ins kalte Wasser. Zu einer Zeit, in der Sie den Sprung ins kalte Buchstabenwasser längst hinter sich hatten: Anno 1973 war es, dass Sie begannen, Meldungen aus unserer Region für den Rundfunk zu schreiben. Natürlich auf der mechanischen Olympia-Schreibmaschine, die bis heute in Ihrem Arbeitszimmer klangvoll weiße Blätter mit Text füllt. "Solange es jemand abschreibt...", bieten Sie lächelnd dem elektronischen Zeitalter die Stirn.
Arbeitssuche. Die Kinder waren also ausgeflogen, zu Hause stürzte die Decke auf den Kopf, die Arbeitssuche fruchtete nur mäßig. "Wäre interessant", dachten Sie sich, als der ORF um Mitarbeiter warb, bloß dass es so schwer werden würde mit Ihrem "Hausfrauenverstand"? Keine falsche Bescheidenheit, Lob ließ nicht lange auf sich warten, geschrieben haben Sie schon immer gern, der Job passte. Später auch bei der Murtaler und eben bei unserer Kleinen Zeitung. Welches Gepäck man braucht, um ein guter Journalist zu sein? "Neugierde", sagen Sie wie aus der Pistole geschossen: "Viele Sachen interessieren mich einfach, lassen mich nicht los, und ich will wissen, wie es weitergeht." Und Ehemann Rudolf stand hinter Ihnen: "Er war nur wochenends da, chauffierte mich zu Terminen und wartete dort geduldig."
Lucona. >Als er 1989 starb, wollten Sie nichts mehr wissen von der Welt da draußen, doch Sie wurden zu einem Termin mit Lucona-Aufdecker Pretterebner gesandt: "Da merkte ich, dass es gut tat, unter Leuten zu sein. Mein Mann wollte ohnehin nicht, dass ich aufhöre." Führerschein gibt es heute noch keinen, die rasende Reporterin Franz fährt Bus. Neben der Olympia - okay, wir verschweigen nicht, dass es auch eine elektrische Schreibmaschine gibt, aber die rattert halt nicht so symphonisch - steht das Telefon mit den giftgrünen Tasten, liegt ein Buch von unserem Alt-Chefredakteur Kurt Wimmer: "Als das Schreiben noch geholfen hat." "Ja, das hilft gegen vieles", sagen Sie, die mit dem Tod eines Ihrer Söhne den zweiten schweren Schicksalsschlag erlitten.
Volksstimme. Moment, was liegt da noch? Eine Seite der "Volksstimme" aus dem Jahr 1997 mit einem breiten Foto: eine Protestkundgebung gegen Arbeitsplatzvernichtung anno 1991 in Zeltweg, und mitten unter der dichtgedrängten Meute Sie, Frau Franz. Mit Mantel, Tasche, gezücktem Stift und Ihrem skeptisch-aufmerksamen Blick, den Sie sich bis heute bewahrt haben. Sie schenken ihn auch mir an diesem Jännervormittag in Ihrer guten Stube, und ich weiß ihn stolz zu schätzen.
Kreisky. Apropos Arbeitsplätze: "Zugesperrt wird nicht", sprach der alte Kreisky. Damals, als er ins krisengebeutelte Gussstahlwerk kam und von Betriebsrat, Belegschaft, Geschäftsführer über Politik bis zu den Journalisten eine geballte Ladung besorgter Menschen lange auf ihn wartete. Eines Ihrer einschneidendsten Erlebnisse: "Ich war fasziniert, ihn live zu erleben." Das Thema war heiß wie die Schließung des Stahlwerkes: "Jetzt wären wir froh, könnten wir selber Stahl produzieren..." Aufregend auch, als Alt-Landeshauptmann Krainer bei einer Barbarafeier in Fohnsdorf war.
Spezialgebiete. Überhaupt ist Fohnsdorf eines Ihrer Spezialgebiete: kulturelle Veranstaltungen, Politik - keine Gemeinderatssitzung ohne Helene Franz. Wie viele Bürgermeister haben Sie schon überdauert? In Fohnsdorf ist gerade Ihr fünfter am Ruder, in Zeltweg Nummer vier, in Judenburg Nummer drei. Vorgestern Vernissage im Schloss Gabelhofen, gestern Abokonzert, heute... Ihr Terminkalender ist nach wie vor gefüllt. "Die Leidenschaft ist noch immer da. Das, was ich mache, mache ich gern. Bin gern unterwegs und komme unter die Leute." Für die Sie längst selbst zur geachteten Persönlichkeit wurden. Liebe Frau Franz, 80 waren Sie im Oktober? Wo steht das geschrieben? Ist wirklich bloß eine Zahl. Von der Sie sich nicht abhalten lassen, zu wandern, regelmäßig Wien zu erkunden. Und mir liebevoll Tee zu bereiten. Das Grün hinter meinen Ohren mag inzwischen ja dunkler sein, lernen kann ich trotzdem noch von Ihnen. "Probieren Sie doch von draußen aus zu fotografieren!" Guter Tipp. Das Ergebnis sehen Sie rechts. Und Sie haben mir ein warmes Lächeln geschenkt.
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Kommentar
Fakten
Helene Franz, geboren 31. Oktober 1928 in Neudau, Bez. Hartberg. Gastronomieausbildung, Kellnerin in Gössl am Grundlsee. Verwitwet seit 1989. Eine Tochter, zwei Söhne (Rudolf jun. verunfallt). Lebt in Judenburg-Murdorf. Journalistische Arbeit für Kleine Zeitung, ORF, Tagespost, Murtaler Zeitung.








