Sommerfrische, das war einmal
Wo die Landschaft mondän ist, sich der Tourismuschef mehr mutige Beherberger wünscht und Gertrude Kress seit 55 Jahren urlaubt: In Seckau traf sich einst eine illustre Gästeschar. Wir waren mit auf der Reise.
Das stärkste Jahr, 1963. Keine Ahnung warum, es war die Zeit der Sommerfrischler. Die Zeit, als die Menschen in aller Ruhe drei Wochen urlaubten. Und sie war schon dabei, damals in Seckau. Gertrude Kress aus Wien, Mittelschulprofessorin im Ruhestand. Wie damals logiert sie im Hofwirt, rastet gerade in der guten Stube unten, bewaffnet mit einem Fliegenpracker. Den wird sie im Zimmer brauchen, dort haust ein nervtötendes Geschwader. Einer Provokation gleich umsumpelt sie eines der Biester.
Wir lassen aus anderem Grund nicht ab von der 81-Jährigen, sind ihre Erinnerungen an 55 Jahre Urlaub in Seckau doch bunt wie eine Sommerwiese und tief wie der Weiermoarteich. Die Anekdotensammlung beginnt beim Plumpsklo, Herzerl inklusive, am Hauptplatz. Es musste irgendwann der Gemeinde weichen. Und sie hört mit dem Wespennest im Kinderwagen lang nicht auf. Und wie war das, Frau Doktor Kress, als Sie hinter einem Baum versteckt Steinpilze putzten? "Der Bauer kam vorbei und fluchte, welches Luder da wohl wieder unterwegs gewesen ist!"
Da grinst auch Willibald Eisenbeutel, seit ewig im Tourismusgeschäft, seit neun Jahren Obmann. "Alle tun so, als ob nur der Ring und der Wipfelwanderweg Tourismus sind. Aber in Seckau passiert Tourismus seit Jahrhunderten." Wandern, die Hochalm, die Abtei. Ohne das Kloster wäre der Ort tot. Kein Wunder, dass Eisenbeutels sehnlichster Wunsch ordentlich Nachwuchs bei den Mönchen ist.
Mehr Qualität
Ebenso wie mutigere Beherberger, die in ihre Betriebe investieren. An Qualität und Quantität der Betten krankt es in der ganzen Region. "2001 zählten wir mit 28 Betrieben den doppelten Stand von heute, nämlich 14. Und nur acht davon haben Komfortzimmer", schüttelt Eisenbeutel den Kopf. Es laufe doch, traut man sich drüber und lässt sich was einfallen. Siehe Gesundheitsbauernhof Offenbacher, siehe Kühbergerhof.
Auch an Gertrude Kress ist der Menschenschwund nicht vorübergegangen. "Seckau hatte eine gute Urlaubsgesellschaft." Gerade beim Hofwirt machte ein gar illustres, internationales Publikum auf Sommerfrische. Freilich bucht sie den atypischen Tourismusbetrieb als Plus, war als Großstädterin von der Ruhe in der Basilika angetan. Und mondän ist hier eben die Landschaft.
Mindestens ein Mal jährlich ist sie auf die Hochalm gekraxelt, kannte jeden Stein, aber keine Angst vor Almvieh. Denn kommen dir die Viecher zu nahe, dann pack deinen dicken Stock und schrei aus tiefstem Inneren wie ein Holzknecht: "Hüühoooh!" Hat die Dame von einem Insider gelernt. Heute gestattet die Gesundheit keine großen Touren mehr. Getrude Kress lächelt ein bisschen wehmütig: "Heute ist man schon dankbar, unter der Kastanie sitzen zu können."
Die Zeit der Sommerfrischler ist vorbei. Die der Fliegen leider nicht. Sind unter der Kastanie gleich nervtötend. Aber ein Wunsch fällt Frau Doktor ein: ein paar Bankerln mehr...








