"Jetzt müssen wir wirklich etwas tun"
Ist das Murtal grün und Energieautarkheit mehr Vision oder Realität? Worüber Josef Bärnthaler, Chef der Energieagentur Obersteiermark, den Kopf schüttelt, was er empfiehlt und wo es dampft. Ein Gespräch.

Foto © APIndustrielle Abwärme, die nur verteilt werden müsste: Die Zellstoff Pöls AG könnte das ganze Aichfeld mit Strom versorgen
Der logische Schritt eines fertigen Umweltgeologen und Geophysikers? Natürlich der Gang in die Ölwirtschaft. Ein Auswahlverfahren bei Shell öffnete Josef Bärnthaler aber die Augen, er setzte bewusst auf erneuerbare Energie und eine Region mit Lebensqualität. Murwald statt Clubsessel. Die Welt brennt, und wir baten den Chef der Energieagentur Obersteiermark zum Interview.
Herr Diplomingenieur Bärnthaler, was war Ihre erste Umweltsünde am heutigen Tag?
BÄRNTHALER: ( lacht) Das darf ich jetzt nicht sagen! Aber: Ich bin mit dem Auto zu einem Auswärtstermin gefahren, wäre leider nicht anders gegangen.
Womit sind Sie in der Agentur am meisten konfrontiert?
BÄRNTHALER: Wir haben viele Beratungen in Sachen erneuerbarer Energie. Die Leute wollen investieren, auch, weil sie sich Einsparungen erwarten in Zeiten wie diesen. Gewerbebetriebe, Private, Gemeinden.
Was treibt die Menschen an?
BÄRNTHALER: Elementarereignisse wie in Japan steigern das Bewusstsein. Jetzt müssen wir wirklich etwas tun - raus aus der Abhängigkeit, mehr Selbstversorgung. Energieautark muss jetzt wirklich das Ziel sein.
Ist Energieautarkheit im Murtal mehr Vision oder Realität?
BÄRNTHALER: Murau ist beim Strom schon autark. Was Fotovoltaik betrifft, ist das Bewusstsein der Leute sehr hoch. Motto: Wir würden unseren Strom gerne selber machen. Da könnten wir viel bewegen und auch dezentral versorgen, die regionalen Ressourcen nutzen: Bei Biomasse haben wir ein hohes Potenzial - Pellets, Hackschnitzel.
Was meinen Sie mit dezentraler Versorgung?
BÄRNTHALER: Wir könnten viel mehr industrielle Abwärme nutzen: Weil diese Energie ist ja schon vorhanden und muss nur noch verteilt werden. Vom Potenzial her könnte man mit der Zellstoff Pöls das ganze Aichfeld versorgen.
Was fehlt dazu?
BÄRNTHALER: Dazu laufen aktuell Verhandlungen mit Förderstellen und ich bin optimistisch, was die Umsetzung betrifft.
Ist Pöls als Dreckschleuder Vergangenheit?
BÄRNTHALER: Der Fluss ist sauber, und was oben hinausdampft, ist reiner Wasserdampf - eben die Energie, die man nutzen könnte. Früher hat man sich darüber keine Gedanken gemacht, weil fossile Energieträger eben billig waren. Unsere Industrie ist generell mittlerweile relativ sauber, hat ihre Hausaufgaben vor anderen Ländern gemacht. Im Vergleich ist der Pro-Kopf-Verbrauch in Europa wesentlich geringer als in Amerika.
Ist Atomstrom sauber?
BÄRNTHALER: Nein! Atomstrom wird zwar unmittelbar als sauber verkauft, aber niemand redet vom Uranabbau oder von den Gefahren. Man argumentiert immer, wir brauchen Atomenergie, weil sie so günstig ist. Dabei werden viele Kosten wie Entsorgung oder Abriss nicht mitberechnet, und das zahlt letztlich der Steuerzahler. Würde das berücksichtigt, wäre erneuerbare Energie stärker konkurrenzfähig. Und dass deutlich mehr Forschungsgeld in Atomenergie als in erneuerbare Energie geht, ist pervers.
Was muss die Politik besser machen?
BÄRNTHALER: Stabile Rahmenbedingungen, kontinuierliche Förderungen für thermische Sanierung und für Fotovoltaik nicht nur eine Minute im Jahr. Gerade unsere Region wäre durch die Höhenlage und die gute Luft prädestiniert, wir könnten auf gleicher Fläche effizientere Anlagen als in Deutschland bauen.
Wer ist Vorbild in der Region?
BÄRNTHALER: Da könnte man viele aufzählen... Die VAE etwa oder die kleinen Haushalte, die schon umgestellt haben, Gemeinden in Zusammenarbeit mit Landwirten, oder die Firma Pabst mit der großen Pelletieranlage.
Wie spart man Energie?
BÄRNTHALER: Im Haushalt mit guter Wärmedämmung, der richtigen Raumtemperatur. Schon ein Grad mehr braucht sechs bis sieben Prozent mehr Heizkosten. Richtiges Lüften, Energiesparlampen und Licht ausschalten, wenn man keines braucht. Und Autofahren nur, wenn notwendig, sonst auf Öffis oder Rad umsteigen. Zum Beispiel: Täglich 20 bis 25 Kilometer mit dem Auto zur Arbeit pendeln entspricht etwa dem jährlichen Heizbedarf eines Niedrigenergiehauses.
Worüber können Sie nur den Kopf schütteln?
BÄRNTHALER: Auf der einen Seite wissen wir in Europa, dass wir die Abhängigkeit reduzieren müssen, weil wir zu 70 Prozent abhängig von Öl und Gas aus dem Nahen Osten sind. Und dann baut man Pipelines und nach wie vor Kernkraftwerke. Wichtig wäre, die breite Masse mit Investitionen zu unterstützen und nicht Riesenprojekte wie Fotovoltaik in der Sahara fördern. Da braucht man wieder Leitungen, ist abhängig, und die Großen profitieren.
Was wäre für Sie der größte anzunehmende Unfall?
BÄRNTHALER: Viel größer als Fukushima kann es eh nicht mehr gehen...
Die größte Dreckschleuder weltweit?
BÄRNTHALER: Ich würde lieber positive Beispiele bringen: China etwa ist mittlerweile der größte Produzent von Energie aus Fotovoltaik und Wind.
Ist das Murtal grün?
BÄRNTHALER: Ja, schon. Wir sind bei Biomasse weit über dem Durchschnitt und haben wegen der alpinen Lage großes Wasserkraft-Potenzial.
Ihr persönlicher Beitrag zum Energiesparen?
BÄRNTHALER: Ein sehr gut gedämmtes Haus, eine große Solaranlage, dieses Monat wird die Fotovoltaik-Anlage installiert.
Was gibt Ihnen Energie?
BÄRNTHALER: Die hole ich mir in den Bergen. Beim Wandern, Schitouren gehen, in der Natur.
INTERVIEW:
BETTINA OBERRAINER
Features
FAKTEN
Josef Bärnthaler, Jahrgang 1969, gebürtig aus Fohnsdorf. Nach der Maschinenbau-HTL Studium der Angewandten Geowissenschaften an der Montanuniversität Leoben. Hob 1998 die Energieagentur Obersteiermark mit aus der Taufe, ist seit 2000 deren Geschäftsführer.
Die Agentur, angesiedelt im Holzinnovationszentrum Zeltweg, versteht sich als Informationsdrehscheibe für einen effizienten Umgang mit Energie. Professionelle Beratung, Energieträger, Förderabwicklung, Machbarkeitsstudien, Projektträger.
Kontakt: Tel. (03577) 26 6 64-0. www.eao.st








