Der Kakerlak bekommt was geblasen
Hugdietrich trägt Glitzer, der politisch Verdächtige kriegt sein Fett ab: Bunte Brautschau als österreichische Erstaufführung in Murau.

Foto © Bettina Oberrainer"Hugdietrichs Brautfahrt" feierte in Murau eine gelungene Österreich-Premiere
Können Regenwürmer attraktiv sein? Sie können. Wenn sie sich in Gestalt junger, in knallige Dressen eingepackter Damen auf der Bühne schmurgeln und mit dem Miederkostüm der Prinzessin konkurrieren. Doch da haben Sie Hugdietrich noch nicht im Spielhöschen gesehen, bevor er sich in Korsett und Glitzerfummel schnürt. Ein Held ist er nämlich höchstens in sinnesfreudigen Belangen, und deshalb zieht er vor, als Weib verkleidet seine gute Partie zu machen und sich als Huglinde durchs Geschehen zu strapsen...
Brautschau. Zu viel der Anzüglichkeiten? Nun, solch bunter Klamauk darf sein, wenn der König von Byzanz unter der Regie von Wolfgang Atzenhofer auf Brautschau geht: Wir lugten bereits bei der Generalprobe hinter den Vorhang, gestern Abend hatte die 1906 von Oscar Straus komponierte Märchen-Operette als österreichische Erstaufführung im Stadtsaal Murau Premiere. Und avanciert so zur Jubiläumsproduktion der zehnjährigen Operettenfestspiele.
Bezug auf Murau. Dabei geht es gar nicht operettenhaft los, ehe das Orchester eintorkelt, Thomas Platzgummer sich dirigentisch ins Gefecht wirft, die türkischen Fähnchen wehen (Schauplätze Istanbul und Griechenland) und die Hochzeitskommission auf den Plan tritt ("Hugdietrich, ich glaub, das wäre nichts für dich..."). Nimmt die Inszenierung doch erst Bezug auf Murauer Zustände - Stadthallen-Schicksal, Golfplatz, Kreisverkehre - und schwelgt im Rückblick auf die vergangenen Spielzeiten in Lagerhallenromantik. Wie überhaupt manch üblicher politisch Verdächtige sein Fett abbekommt.
Giftgrün. Aber keine Sorge, das Triefende zieht sich in vergnüglicher Gefälligkeit durch die Brautfahrt - so lang und giftgrün wie der Schwanz des Drachen, mit dem sich Franz "Schnidibumpfl" Suhrada abmüht. Und den Turm bewacht, von dem aus die Prinzessin ein einschlägiges Heftchen entrollt und dem Prinzen Kakerlak etwas auf ihrem Kamm bläst. Freilich brachte die Operette zu Entstehungszeiten Oscar Straus nicht den Durchbruch, in Murau dürfte ihr Applaus gewiss sein - schwingen doch neben treuen Festspiel-Profis wie Christine Maria Fasser, Janos Mischuretz oder Michael Becker eine große Besetzung an Laien ihre Lippen und Hüften.
T-Shirt-Botschaft. Gewiss stimmt das Publikum auch nicht in den Protest jener Altphilologen ein, die einst wegen zu heftigen Spotts gegenüber dem heiligen Altertum aus der Fassung gerieten. Was sie wohl zu Atzenhofers nettem Streich gesagt hätten? "War is not the answer"? So jedenfalls die Empfehlung auf einem T-Shirt.













