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Zuletzt aktualisiert: 12.09.2012 um 20:50 UhrKommentare

Kein Weg mehr zurück

Richtstätte Birkachwald in Unterzeiring: Hier startet bald die erste derartige Grabung in der Steiermark. Man erwartet Aufschluss über Gefolterte und Hinrichtungsarten.

Ein wissbegieriges Team: Gerfried Kaser, Melanie Plöbst, Sarah Lerchbacher, "Projektcoach" Anneliese Ebner-Thaller, Bürgermeister Christian Czerny (stehend von links), Lisa Twerasser, Susanna Kainz vor der Richtstätte

Foto © OBERRAINEREin wissbegieriges Team: Gerfried Kaser, Melanie Plöbst, Sarah Lerchbacher, "Projektcoach" Anneliese Ebner-Thaller, Bürgermeister Christian Czerny (stehend von links), Lisa Twerasser, Susanna Kainz vor der Richtstätte

Über wildes Gras, einen von Maulwurfhügeln gepflasterten Boden gehen wir von der Kapelle aus den Weg der armen Sünder. Die zum Regnen aufgelegte Wolkenstimmung verleiht der Kulisse Mystisches: Man sieht den Galgen förmlich baumeln zwischen diesen steinernen Säulen, hier an der Straße zwischen Katzling und Unterzeiring. Richtstätte Birkachwald. Hier startet Ende September die erste Grabung einer steirischen Hinrichtungsstätte, im Pölstal ist es überhaupt der erste archäologische Aushub seit 1928. Bundesdenkmalamt und Gemeinde Oberkurzheim unterstützen, kooperiert wird mit Uni Graz und Historiker Ingo Mirsch.

"Wir wollen erfahren, wer hier hingerichtet wurde und auf welche Art", sagt Gerfried Kaser. Er ist der Mann mit der Lizenz zur Prospektion: Binnen der vergangenen 25 Jahre hat der Maschinenbau-Pädagoge mit dem Faible für die Vergangenheit einen beachtlichen Fundus an Münzen und dergleichen ans Licht befördert - sein Kontakt zum Denkmalamt ebnete der aktuellen Grabung den Weg. Kaser: "Finden wir hier Knochen, können wir Rückschlüsse ziehen." Auf Geräderte, Verstümmelte, Gefolterte. Der Verwesungsgeruch der Aufgeknüpften zog sich kilometerweit durchs Pölstal. Wie heute der Verkehr. Ihm sind nicht mehr die Birken von damals, aber eine trotzige Reihe Fichten schweigendes Spalier.

Tiefe

Der Hagebuttenstrauch bei den Säulen muss der archäologischen Wissbegierde weichen, Humusschicht für Humusschicht geht es zwei Meter in die Tiefe. Gespannt warten auch vier junge Damen auf Zähne und Knochen: Lisa Twerasser, Sarah Lerchbacher, Susanna Kainz und Melanie Plöbst aus der 5a der HLW Fohnsdorf nehmen sich für ihr Maturaprojekt der armen Sünder an: "Wir wollten etwas für die Region machen. Die Leute, die hier vorbeifahren, sollen wissen, was da passiert ist." Also werden sich Flyer, Büchlein mit historischen Zusammenfassungen, DVD und Informationstafel zu den schweigenden Bäumen gesellen. Bürgermeister Christian Czerny will das Unternehmen Richtstätte natürlich mit der touristischen Aktivität des Pölstales vernetzen, Gerfried Kaser ist die Beteiligung der Jugend ein Anliegen.

Die Wolken am Himmel spannen uns auf die Folter. Noch immer kein Tropfen. Dafür weiß Gerfried Kaser Gruseliges zu erzählen. "Auch Selbstmörder wurden hier begraben, und ungetaufte Kinder." Weil für die waren Friedhöfe Sperrgebiet. Und in einer Gegend, wo man unter jedem Maulwurfshügel historische Abgründe vermuten darf, ist abergläubische Gepflogenheit nicht weit: Das Berühren der Hingerichteten war allein dem Henker erlaubt, mit deren zermahlenen Gebeinen trieb man allerlei schwarzen Unfug: Magische Kräfte wurden ihnen nachgesagt, die Malträtierten erlebten ihre Wiederauferstehung als Aphrodisiakum und Potenzmittel.

Buße

Die Kapelle der armen Sünder soll nächstes Jahr renoviert werden. Dort taten sie ihre letzte Buße, von dort traten sie den Weg zum Galgen an. "Was diese Menschen damals wohl gedacht haben. Die hätten sicher noch gerne viel unternommen. Etwas Gutes gegessen, zum Beispiel..." Bei Susanna Kainz macht sich die nahende Mittagszeit bemerkbar.

Wir gehen über wildes Gras. Zumindest das unterscheidet uns von den armen Sündern: Für die gab es den Weg zurück nicht mehr.

BETTINA OBERRAINER

FAKTEN

Die Historiker haben zwar über die Entstehung der Richtstätte, über Schrannen- und Gerichtsorte, Gefängnisse und Amtshäuser des Landesgerichtes Offenburg/Reifenstein relativ genaue Informationen, nicht aber über die "Frequenz" der Richtstätte im Birkachwald und das dortige Prozedere bei und nach Hinrichtungen. Beim Oberkurzheimer "Galgen" dürfte es sich um eine "vollwertige" Richtstätte handeln, an der alle in der "Carolina" genannten und an diesem Ort durchführbaren Todesstrafeen vollzogen wurden. (aus der Recherche des Historikers Ingo Mirsch)

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