Nicht zu süß, nicht zu sauer
Einkehr im ältesten Gasthaus der Steiermark, wo neben bodenständigen Mahlzeiten eine Reise durch die Jahrhunderte serviert wird. Guten Appetit!
Probieren Sie den Topfenstrudel! Der Empfehlung eines Einheimischen gehen wir gerne nach und ordern in der ältesten Gaststätte der Steiermark einen Verlängerten mit Topfenstrudel. Kurze Zeit später serviert Chefin Heidelinde Micke die Süßspeise, die nicht nur locker-luftig aussieht, sie schmeckt auch hervorragend. "Strudel sind meine Spezialität", so Micke, die einst die "jüngste Wirtin in der ältesten steirischen Gaststätte" gewesen ist.
Das Gasthaus Winter, so heißt es seit langer Zeit, befindet sich im Ortsteil Bodendorf in St. Georgen ob Murau und hat eine bewegte Geschichte hinter sich: 1150 schenkte die Gräfin Hemma von Treffen dem Kloster Sittich in Krain die damalige Taverne. In einer Urkunde des Patriarchen Perigrin von Aquileja aus dem Jahr 1152 ist die Gastwirtschaft erwähnt. "Es ist nachweislich die älteste Gaststätte der Steiermark", sagt Micke. Seit 1980 ist sie Besitzerin des Traditionshauses, damals war sie 18 Jahre jung.
Im alten Tonnengewölbe, in dem schon vor rund 900 Jahren gekocht wurde, brutzelt und dampft es noch heute. Mit dem Blättern durch die Speisekarte unternimmt der Gast einen Ausflug durch die Jahrhunderte. Vom zwölften bis zum 21. Jahrhunderten kann man sich durch unterschiedliche Gerichte kosten - mit jenen Zutaten, die auch damals verwendet wurden. "Im zwölften Jahrhundert gab es bei uns etwa noch keine Erdäpfel", weiß Micke, die ihre Ausbildung zur Köchin in der Hotelfachschule Bad Gleichenberg absolviert hat.
Gekocht wird bodenständig. Ein Gericht erweckt unsere Neugierde: "Die große Hungersnot" nennt es sich und ist mit dem Hinweis "nur für Mutige" versehen. Der Chefin ist das Geheimnis hinter der Mahlzeit nicht zu entlocken, nur einen Hinweis verrät sie: "Es ist nicht zu süß und nicht zu sauer."
Jahrhunderte
Die Dekoration dreht sich ebenfalls rund um die Geschichte. Die Tische sind einzelnen Jahrhunderten gewidmet. Wenn der Gast möchte, kann er sich über das informieren, was in dem entsprechenden Jahrhundert passiert ist - in der Region, aber auch darüber hinaus. "Amerika ist entdeckt worden, und das Gasthaus war schon da", grinst Micke. Kleinen Bühnen gleichen die Fensterbänke, auf denen noch einmal mit diversen Gegenständen Historisches dargestellt wird. Etwa die Sage vom Teufel von Bodendorf, die sich im 17. Jahrhundert in dem Haus abgespielt haben soll.
Die Gaststätte ist natürlich im Laufe der Jahrhunderte gewachsen und gewachsen. Davon zeugen unterschiedliche Fenster oder Raumhöhen. Micke: "Wir haben nur mehr renoviert."
Die Urkunde von 1152 befindet sich heute im Schwarzenbergschen Archiv. Bewundern kann man eine Kopie aber auch im Gasthaus - in einer Chronik, die sich rund um die Geschichte des Lokals dreht. Darin sind auch zahlreiche andere alte Schriften zu finden, die von der abwechslungsreichen Geschichte zeugen.
23 Besitzer sind bis heute genannt - den besten Topfenstrudel zaubert mit Sicherheit die aktuelle Chefin, Heidelinde Micke.








