Richter: "Das Kind ohne Druck wachsen lassen"
Maren Richter (43), die Intendantin der heurigen Regionale in Murau, über Kraftakte, aufgezwungene Tempi und das Fehldenken der Kulturpolitik.

Foto © © REGIONALE12, Foto: Nikola MilatovicMaren Richter: "Die Regionale ist ein ungemein spannendes Format"
D ie beiden Vorgänger-Regionalen erhielten vom Land Steiermark je vier Millionen Euro. Die Förderungen für Ihr Festival in Murau wurden vor einem Jahr im Zuge des Sparpakets am stärksten von allen Institutionen gekappt, sprich halbiert. Wie lebt sich's denn als "halbe Portion"?
MAREN RICHTER: Es ist schwierig, kostet viel Kraft und schlaflose Nächte. Weil man ja dennoch bestmöglich zeigen möchte, was eine Regionale ist, nämlich die Option, an der Basis Fortschritte zu entwickeln und nachhaltig zu arbeiten. Der Aufwand dabei ist enorm, ein ständiges Abwägen. Wir haben zum Beispiel viel später als nötig mit Pressearbeit und Marketing begonnen.
Wie konnten Sie Ihr Budget dennoch auf 3,1 Millionen steigern?
RICHTER: Da kam uns auch die hohe Motivation in der Region zugute, allein die Sachleistungen lokaler Sponsoren sind enorm. Beim Bund etwa fanden wir für unser Klimaprojekt im Krakautal Gehör. Interdisziplinarität war dabei ein gutes Argument, weil wir das Thema von vielen Seiten angehen, biowissenschaftlich bis philosophisch. Es gibt schon Pläne, das Klimaforum jährlich fortzusetzen, ein schönes Beispiel also für Nachhaltigkeit.
Was soll eine Regionale leisten?
RICHTER: So ein Festival ist die Herausforderung, an Begriffen wie Kunst, Region, Ort, Raum zu arbeiten. Die Regionale08 in Feldbach war das Baby, das geboren wurde. Die Regionale10 in Liezen musste laufen lernen. Wir wollen nun das Kind ohne Druck wachsen lassen. Unser Festival ist ein ungemein spannendes Format und das Thema Region ist ja in Europa geopolitisch gesehen eines der wichtigsten. Wie viel kann man aus einem kleinen Ort, einer Region, einer Randlage heraus entwickeln und bewirken?
Was konnten Sie sich von den Vorgänger-Festivals abschauen?
RICHTER: Die Zugänge sind völlig unterschiedlich, auch was die beteiligten Menschen, die Mechanismen und natürlich die Regionen selbst betrifft. Es ist ein Reiz, sich mit immer neuem Team in immer neuen Situationen lustvoll neu zu erfinden und zu behaupten. Andere Festivals haben wohl die Kontinuität, nutzen sich aber eventuell ab, werden behäbig oder fallen ins Schema F.
Gab's auch lehrreiche Fehler in Feldbach und Liezen? RICHTER: Man lernt durch Probleme, siehe die Distanzen in der Festivalregion. Diese versuchen wir heuer durch unsere drei Zentralen zu verringern. Wir wollen die Besucher ankommen lassen, ihnen Zeit geben und eine hohe Aufenthaltsqualität bieten.
Wie sieht denn die "zugereiste" Linzerin die hiesige Kulturpolitik?
RICHTER: Nun, ich kenne ja jetzt nur die Region Murau konkreter. Aber wie überall auf dem Land leben dort Menschen mit Bedürfnis nach Kultur, die allerdings sehr mobil sein müssen, um sie zu erleben. Von der Kulturpolitik würde ich mir wünschen, dass sie Gegenwartskunst deutlicher mitgestalten, mitdefinieren will. Kunst auf dem Land scheint kulturpolitisch und somit finanziell marginal zu sein, aber das ist ein Fehldenken. Man müsste den vielen kleinen Initiativen, die so viel Positives bewirken, die Chance und Geld bieten, in Ruhe wachsen zu können - und wir reden da ja meist von minimalen Summen.
Und wenn Sie Ihre Heimatstadt Linz mit Graz vergleichen?
RICHTER: Sehe ich eine Industriestadt, die sich mit Beginn der Krise in den 70ern darauf besann, viel Geld investieren zu müssen, um auch mit neuer Identität als Kulturstadt wahrgenommen zu werden. Das dauert in Linz bis heute an. Graz war ja, so scheint mir, in den 90ern kulturpolitisch zufriedener und ist jetzt in einer schwierigeren Lage, mit mehr Zäsuren. Man müsste grundsätzlich erkennen: Sparen quasi nach dem Motto "Koste es, was es wolle" ist gefährlich, weil man dabei etwas zerstören kann, das über lange Zeit mühevoll aufgebaut wurde.
"Stadt, Land, Fluss" lautet das Motto Ihrer Regionale12, frei nach dem Kinderspiel. Spielen wir also: Ihre Lieblingsstadt?
RICHTER: Weltweit?
Sie dürfen auch Murau sagen.
RICHTER (lacht): Mich faszinieren besonders Lissabon und Istanbul, weil man da wie dort allein in der Architektur die geschichtlichen Entwicklungen sieht, die Überlagerungen durch Kulturen oder Religionen. Weil es so ein pulsierendes Leben auf der Straße gibt. Und Berlin natürlich, wo ich auch ein paar Jahre war, die Stadt bietet eine unglaubliche Lebensqualität und hat eine tolle, aber unhysterische Künstlergemeinde.
Landleben, ja oder nein?
RICHTER: Die ersten sechs Jahre, die ich im Nest Haid in Königswiesen aufwuchs, waren nicht gerade meine glücklichsten. Dort hatte ich zwar alle Freiheiten, spürte aber auch die Enge. Ich bin eine klassische Städterin. Im Moment. Vielleicht würde sich das mit einem Kind ändern. In Österreich hat man aber ohnehin das Privileg, auch von größeren Städten aus rasch im Grünen zu sein. Ich besitze übrigens kein Auto, aber ich liebe das Autofahren.
Zum Schluss der Fluss: Fühlen Sie sich auf gut Deutsch im "Flow"?
RICHTER: Ständig. Anders als unsere Großeltern und Eltern, auf die jede Neuerung lange Einfluss hatte, leben wir ja heute in dauerndem Wechsel, in dauernder Bewegung. Man denke nur an die verschiedensten Medien. Das macht unser Leben höchst kompliziert, wir sind ununterbrochen am Lernen, was zwar spannend, aber auch anstrengend ist. Ich mache das oft und gern zum Thema meiner Arbeit: Man passt sich ständig an, weil man sonst nicht mehr zurande kommt, stellt aber kaum etwas infrage und bekommt ein Tempo aufgezwungen, das man oft gar nicht mehr begreift. INTERVIEW: MICHAEL TSCHIDA










