Ausstellung im Südbahnmuseum

Bilder von Pracht und Verfall eines Hotels

Im Mürzer Südbahnmuseum ist eine Fotoausstellung über das Hotel Südbahn zu sehen. Das einst beste Hotel im östlichen Mitteleuropa liegt seit den 60er-Jahren im Dornröschenschlaf. Von Franz Pototschnig

Bürgermeister Karl Rudischer, Fotografin Yvonne Oswald, Danielle Spera und Kerstin Ogris (v. l.)
Bürgermeister Karl Rudischer, Fotografin Yvonne Oswald, Danielle Spera und Kerstin Ogris (v. l.) © Franz Pototschnig
 

Fünf Jahre lang kam die Fotografin Yvonne Oswald immer wieder ins Hotel Südbahn auf den Semmering. Sie wurde auf das Gebäude aufmerksam, weil es „das einzige unrenovierte Element des Fin de Siècle ist, das es noch gibt“, erläutert sie. Deshalb begab sie sich mit ihrer Kamera auf Spurensuche in dieses mächtige Bauwerk, immer wieder, insgesamt fünf Jahre lang, von 2009 bis 2014. Das Ergebnis waren ein Buch und eine Fotoausstellung, die im Vorjahr im Jüdischen Museum in Wien zu sehen war.

Die Ausstellung

Südbahnmuseum Mürzzuschlag: „Das Südbahnhotel. Am Zauberberg der Abwesenheit“.
Zu sehen bis 27. September.
Öffnungszeiten: Täglich, außer Dienstag, von 10 bis 13 und von 14 bis 17 Uhr.
Info: www.suedbahnmuseum.at, info@suedbahnmuseum.at

Als Kerstin Ogris, die Leiterin des Mürzzuschlager Südbahnmuseums, die Fotoausstellung sah, war sie begeistert: „Ich wusste sofort, diese Bilder müssen nach Mürzzuschlag“, erzählte sie kürzlich bei der Eröffnung der Ausstellung „Das Südbahnhotel. Am Zauberberg der Abwesenheit“. Ogris schrieb an Danielle Spera, die frühere ORF-Moderatorin und nunmehrige Leiterin des Jüdischen Museums. Und sie war begeistert, wie freundlich und unkompliziert dann alles lief, sodass die Bilder Oswalds jetzt im Rundlokschuppen des Museums hängen.
Yvonne Oswald wurde vom Zauber dieses einstigen Prachtbaues, der seit 50 Jahren vor sich hindämmert, bald ergriffen, wie sie bei der Vernissage erzählte: „Wenn die Herbstwinde durchs Haus wehen und sich die Türen von selber öffnen, glaubt man oft, Schritte zu hören. Und wenn im Winter alles in Schnee gehüllt ist, wird dieser Zauber fast greifbar. Alle, die dieses Hotel bewohnt haben, haben etwas von ihrem Leben zurückgelassen. Das habe ich versucht einzufangen.“

350 Betten

Danielle Spera ging näher auf die Geschichte des Hotels ein: Nachdem die Semmeringbahn Mitte des 19. Jahrhunderts erbaut war, hatte die Generaldirektion der Südbahn die Idee, entlang der Bahnstrecke Hotels zu errichten. Weil der Semmering schon damals ein beliebter Luftkurort für die bessere Wiener Gesellschaft war, machte das „Hotel Semmering“ den Anfang, das später in „Hotel Südbahn“ umbenannt worden ist.
Das Haus wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf 350 Betten erweitert, hatte Fließwasser, Zentralheizung und sogar „Staatstelefon“ in den Zimmern. Dieses „All Inclusive-Hotel“ bot überhaupt alles, was gut und teuer war: Ballsaal, Kino, Hallenbad, Golfplatz, Skiwiese, Rodelbahn und sogar eine eigene Skisprungschanze.
Es hatte auch das entsprechende Publikum: Vom Kaiserpaar abwärts war der Adel gern am Semmering, es kamen außerdem viele Industrielle mit ihren Familien und verbrachten die Sommer am Semmering, dazu Künstler und Intellektuelle wie Sigmund Freud, Stefan Zweig, Gustav Mahler, Franz Werfel und viele andere. Aber dann kam der Erste Weltkrieg, den Adel gab es danach nicht mehr. Und mit dem Nationalsozialismus war auch das zahlungskräftige jüdische Publikum weg, dem Hotel war praktisch die Existenzgrundlage entzogen. 1945 wurde es sogar als Gefechtsstand gegen die Russen benutzt.

Melancholie

In den 1950er-Jahren gab es mehrere Versuche, das Hotel wieder zu beleben. Auch jüdische Familien, die nach Wien zurückgekehrt waren, haben sich um das Hotel bemüht. Aber die Zeiten hatten sich geändert, die Menschen machten in Italien Urlaub, es kamen die ersten Flugreisen auf, die „Sommerfrische“ war für die meisten kein Thema mehr, damit verlor auch der Semmering an Anziehungskraft. Mitte der Sechzigerjahre wurde das Hotel geschlossen, mehrere Versuche, es wieder zu beleben, scheiterten. Die Aufgabe ist zu groß, die Erneuerung zu teuer, die Hoffnung, ein solches Hotel mit Gästen zu füllen, zu gering.

Die Bilder von Yvonne Oswald sind nüchtern, sezierend, die Farben reduziert, die Ausschnitte sorgfältig gewählt. Und wenn sie auch selber sagt, dass das „Südbahn“ keineswegs ein Ort der Depression ist: Hinter dem Morbiden, dem Verfall, den die Bilder sehr schön zeigen, erahnt man die einstige Pracht. Diese Melancholie ist im stimmungsvollen Mürzzuschlager Rundlokschuppen zwischen all den alten Eisenbahnwagen und Loks besonders gut aufgehoben.

Zwischen 22 Uhr und 8 Uhr ist das Erstellen von Kommentaren nicht möglich.
Danke für Ihr Verständnis.

Hohenwanger
0
0
Lesenswert?

Was einst die Zeit bestimmte

formt das Geschehen
Der eine erfährt das als sein Schicksal,
ein anderer erhofft sich was und bekommt es auch.

Antworten

Bei der Erstellung von Kommentaren haben Nutzer rechtliche Bestimmungen (z. B. Privat-, Strafrecht), die Netiquette und Forenregeln einzuhalten. Was wir in diesem Forum nicht dulden: Beschimpfungen, Verspottungen, Belästigungen, Ehrbeleidigungen, Verhetzung, Diskriminierung in jedweder Form, Rassismus, Aufrufe zu Gewalt oder gar Selbstjustiz. Beiträge, die diesen Bestimmungen zuwiderlaufen, werden bei Kenntnis gelöscht, Nutzer im Wiederholungsfall gesperrt. Zudem behalten wir uns die stundenweise oder völlige Schließung von Foren vor. Wir weisen Sie darauf hin, dass wir auch keine Links zu anderen Websites akzeptieren.
Als Nutzer stimmen Sie der Speicherung der von Ihnen angegebenen Daten (Stamm-, Verkehrsdaten, etc.) ausdrücklich zu. Die angegebenen Daten werden an staatliche Stellen (z. B. Polizei, Gericht) bei Untersuchung von vom Nutzer verbreiteten Materialien, oder sonst vorgenommenen ungesetzlichen Aktivitäten, weitergegeben. Weiters werden angegebene Daten (Name und Adresse) an sonstige Dritte bei Verletzung von Rechten oder sofern deren Rechtsverletzung nachvollziehbar behauptet wird (zB gem. § 18 Abs. 4 ECG), weitergegeben. Mit der Erstellung von Kommentaren stimmen Sie dem ausdrücklich zu und verzichten auf die Geltendmachung von jeglichen Ansprüchen. Siehe dazu auch unsere Forenregeln/Betriebsbedingungen in den AGB.