Amtsleiter: "Wurde von Spionen hereingelegt"
Eine obersteirische Kleingemeinde im Mittelpunkt eines Agententhrillers: Ein ehemaliger Amtsleiter soll mit Spionen kooperiert haben. Nun ermittelt der Verfassungsschutz.

Foto © APAnna Chapman, russische Spionin in den USA, wurde 2010 enttarnt und gegen amerikanische Spione ausgetauscht.
Bei den Verfassungsschützern ist Feuer am Dach. Der Verschlussakt sei von Deutschland nach Österreich unterwegs, verlautet aus dem österreichischen Innenministerium. Das Rechtshilfeersuchen der deutschen Bundesanwaltschaft sei in Wien aber noch nicht eingetroffen, so BMI-Pressesprecher Karl-Heinz Grundböck.
Faktum ist: Nachdem Dienstag vergangener Woche in Balingen (Baden-Württemberg) und im hessischen Marburg ein russisches Agentenpaar verhaftet wurde, rückt neuerlich ein ehemaliger Gemeindesekretär aus der Obersteiermark in den Fokus der Verfassungsschützer. Der Mann - er ist mittlerweile Pensionist - hatte den nun verhafteten Spionen Staatsbürgerschaftsnachweise ausgestellt. Damit wurden in der Bezirkshauptmannschaft Liezen österreichische Pässe besorgt. Die Dokumente wurden nun bei der Verhaftung des Agentenpaares sichergestellt.
"Eine nette Frau"
Gegen den pensionierten Gemeindeamtsleiter wurde schon vor einem Jahr ermittelt, das Verfahren aber wegen Verjährung wieder eingestellt - wie Reingard Wagner, Pressesprecherin der Staatsanwaltschaft Leoben, bestätigt. Der Betroffene erinnert sich im Gespräch mit der Kleinen Zeitung, wie er in das Netzwerk der Spionage geraten war.
"Ich habe eine zuvorkommende, liebenswerte Frau kennengelernt, etwa 60 Jahre alt. Sie war bei uns in der Gemeinde auf Urlaub, mit ihrem Mann." Nach und nach tauchten andere Personen auf, angeblich Verwandte des Paares. Sie suchten die Nähe des Amtsleiters. "Ich habe damals keinen Verdacht geschöpft", versichert dieser.
In den Jahren entstanden Freundschaften, es soll auch die eine oder andere Gefälligkeit gegeben haben. 1997 - der Gatte der netten, älteren Dame war verstorben - bekam der Gemeindesekretär Besuch von zwei angeblichen Angehörigen des Toten. Der Grund: Sie besorgten sich mit gefälschten Unterlagen Staatsbürgerschaftsnachweise. Die Geburtsurkunden hätten echt ausgesehen, sagt der ehemalige Gemeindesekretär.
Seinerseits habe es keine Bedenken gegeben. Dass mit den Leuten etwas nicht in Ordnung war, habe er erst vor einem Jahr erfahren, als die Verfassungsschützer vor der Tür standen. "Da wurde mir klar, dass ich von Spionen hereingelegt wurde."
Sobald das deutsche Rechtshilfeersuchen eingetroffen ist, werden Verfassungsschutz und Staatsanwaltschaft prüfen, ob gegen den Ex-Amtsleiter neuerlich ein Verfahren eingeleitet wird. Es soll geprüft werden, ob sich die Rechtslage aufgrund der nun bekannt gewordenen Umstände geändert hat, verlautet aus dem Innenministerium.
Verschlüsselt
Das verhaftete Agentenpaar Andreas A. (45) und Heidrun A. (51) soll bereits 1990 mit falscher Identität im Auftrag Russlands über Mexiko nach Deutschland eingereist sein. Die beiden sollen 20 Jahre lang verschlüsselte Nachrichten nach Moskau weitergegeben haben. Dabei soll das Paar intensiven Kontakt mit der 2010 in den USA enttarnten russischen Agentin Anna Chapman gehabt haben. Regelmäßig soll ein Kurzwellensender belegt gewesen sein, den Chapman und das in Deutschland tätige Paar genutzt hätten. Chapman wurde 2010 in Wien gegen amerikanische Spione ausgetauscht.








