Die Zeit hat noch nicht geheilt
Lassing ist in Lassing ein Tabu. Die Überlebensstrategie: Strich ziehen und weitermachen.

Foto © APAGeorg Hainzl nach seiner Rettung im LKH Graz
Ja, der Georg", hallte die Antwort aus 60 Metern Tiefe an diesem 26. Juli 1998 um etwa 21 Uhr der Bergemannschaft auf ihre bange Frage "Ist da wer?" entgegen. Lassing hatte sein Wunder. Sein einziges. Eine Familie konnte Sohn, Bruder, Lebenspartner nach 226 Stunden emotionalem Ausnahmezustand wieder in die Arme schließen.
Treu geblieben. Im Augenblick seiner Rettung , als der Bohrer endlich in den Jausenraum durchbrach, rechnete der Kumpel aber nicht mit seiner Befreiung, sondern mit dem Schlimmsten: "Ich hab' mir gedacht, jetzt ist wieder ein Wassereinbruch, weil so eine Flut gekommen ist. Ich hab' mir gedacht, so, jetzt ist es aus. Aber dann ist schon ein Lamperl herunter gekommen und eine Kamera." Diese Schilderung drei Tage nach der Befreiung in einem Interview ist eine der an einer Hand abzählbaren öffentlichen Äußerungen Georg Hainzls. Der ehemalige Bergmann wollte vor allem eines: seine Ruhe. Die will er noch heute. Für den Wert des Rückzugs ist kein Preis zu hoch - Georg Hainzl hat drauf verzichtet, sich und seine Geschichte zu Markte zu tragen, aus seiner Grenzerfahrung zwischen Leben und Tod Kapital zu schlagen. Er ist geblieben, was er war, ein Arbeiter, sein Geld verdient er bei der Straßenmeisterei. Treu geblieben ist er nicht nur sich selbst, sondern auch seinem Heimatort, er wurzelt noch immer, wo er aufgewachsen ist, hat in Lassing ein Haus gebaut, in dem er mit seiner Familie lebt. Als ein Bewohner von 1852, "der Schurl", wie in die meisten nennen, ist einfach einer der ihren.
Sprachlosigkeit. Die Katastrophe ist Teil der Ortsgeschichte, die Zeit der Geschichtsaufarbeitung noch nicht gekommen. "Nein, geredet wird darüber nicht viel. Jeder hat in seiner unterschiedlichen Betroffenheit selbst lernen müssen, damit zu leben. Das Thema ist ein Tabu, niemand will Wunden aufreißen", sagt ein g'standener Lassinger. Und erklärt: "Es ist auch die Ungewissheit, was wirklich passiert ist, die vielen Ungeklärtheiten. Man muss irgend wann aufhören, darüber nachzudenken, sonst verliert man den Verstand. Einen Strich ziehen und weitermachen - das war die Strategie." Die lange Ungewissheit, die unbekannten Umstände - viel Raum für Spekulation und quälende Phantasien. "Bei einem Verkehrsunfall, so tragisch das ist, da weiß man, der Mensch ist tot, aber das ist viel schlimmer, weil man so lange nicht abschließen kann", gewährte die Ehefrau eines Opfers zum fünften Jahrestag Einblick in ihr Inneres.
Gedenkstätte. Die Sprachlosigkeit sagt nicht, dass die Toten vergessen sind. "Wenn der Blick auf ein Foto fällt, das irgendwo an der Wand hängt, heißt's oft: weißt du noch...?", erzählt ein Lassinger. Episoden. Episoden aus dem Leben. Die Gedenkstätte gehört zum Ort wie die Kirche, das Kaufhaus. "Meistens nehme ich sie gar nicht wahr, aber manchmal, da schau' ich ganz bewusst hin."
Diskussionen. Nachdem der erste Schock abgeklungen war, habe es verletzende Diskussion gegeben, wird kolportiert. Wer wie viel Entschädigung bekommen hat, wer plötzlich mit einem Luxusauto unterwegs ist, wer wie trauert. "Nein", sinniert der Lassinger, "davon hab' ich nichts mitbekommen. Ich hab' gehört, dass es so gewesen sein soll, aber aus meinem Erleben kann ich das nicht bestätigen." Im Gegenteil: Am täglichen Zusammenleben habe sich nichts verändert, die Bewohner seien eher noch enger zusammengerückt. Über 20 Vereine gibt es in Lassing, Mitgliedermangel unbekannt, wenn es etwas zu feiern gibt, wie im Vorjahr die Eröffnung des neuen Gemeindezentrums, ist der sprichwörtliche halbe Ort auf den Beinen.
Recht zu Schweigen. Die Angehörigen lassen sich ihr Gedenken zum zehnten Jahrestag nicht von und in der Öffentlichkeit zerreden, wollen ihren Schmerz, ihre Trauer nicht im Scheinwerferlicht bewältigen. Wollen keine Antworten auf Fragen geben, die sie versuchen, sich selbst nicht zu stellen. Und wenn, dann fernab von Kameras und Mikrofonen. Sie haben jedes Recht darauf, es so zu halten.








