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Zuletzt aktualisiert: 13.06.2010 um 22:02 UhrKommentare

"So dass er den beiden nach in die Tiefe stürzte"

Am 13. Juni 1810 wurde der erste Bergtote auf dem Friedhof in Johnsbach begraben. Seit nunmehr 200 Jahren erzählen seine Gräber von Bergdramen und berührenden Schicksalen. Ein Streifzug.

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Ein Stück Kalkstein. Oben ein kleines Kreuz, darunter das Foto eines schneidigen Bergsteigers im Fels. Efeuranken, Latschen - und ein Seelenhäuschen, das sich an den Stein schmiegt wie eine Schutzhütte.

Hier ruht er. "Unser unvergeßlicher Sohn Fritz Schmid", der zu Pfingsten 1936 "am Ödstein durch elementarischen Wettersturz den Erfrierungstod erlitt". Zwei Tage hatte der 30-jährige Beamte, der als guter Bergsteiger galt, mit zwei Freunden ums Überleben gekämpft - herunter schaffte es nur einer, mit schweren Erfrierungen. Schmid und Fräulein Wilma wurden erfroren in ihren Biwaksäcken gefunden.

Josef Hasitschka (64) kennt sie alle. Die kleinen und großen Geschichten der Männer und Frauen, die hier, auf dem Bergsteigerfriedhof in Johnsbach, begraben liegen. Abgestürzt. Vom Blitz getroffen. Erfroren. Oder einfach hinaufgegangen und nicht mehr zurückgekehrt. Betrauert von Eltern ("Viel zu früh hast Du geraubt den Eltern ihren Sohn, sie hatten so sehr darauf gebaut, ist das ihrer Liebe Lohn?"), der "verlassenen Braut", von "zahlreichen Freunden".

Auch Wolf Stadler von Wolffersgrün wurde der Wettersturz im Juni 1936 zum tödlichen Verhängnis. Hasitschka, Historiker und selbst Bergfex, legt seine Hand auf den Grabstein und erzählt. Von dem 33-jährigen Beamten und ausgezeichneten Bergretter, der an jenem 2. Juni seiner Braut das Leben rettete und seines verlor. Oben, in der Roßkuppenkante. Er hatte ihr seine Sachen übergezogen, um sie warm zu halten - Angela konnte am nächsten Tag "in einer waghalsigen Abseilaktion" lebend geborgen werden, er war tot.

Da liegt er. Einer von 83 Bergtoten, die in Johnsbach ihre letzte Ruhe gefunden haben. 49 Gräber, in denen 59 Tote liegen, gibt es heute noch. Gedenken in Stein, Schmiedeeisen, Holz - ein "kulturhistorisches Sammelsurium" (Hasitschka), das mittlerweile unter Denkmalschutz steht.

Viele der Opfer kamen aus Wien. Versuchten im Gesäuse, das Anfang des vorigen Jahrhunderts als hochalpines Touristenparadies entdeckt wurde, ihr Gipfelglück. Doch so mancher kehrte nie heim. Und wurde, weil eine Überführung der Toten zu kompliziert und teuer war, gleich auf dem Dorffriedhof begraben. Im Archiv des Alpinen Rettungsdienstes Gesäuse, der sich auch um die Erhaltung des Friedhofs verdient gemacht hat, findet sich etwa noch ein Foto vom Begräbnis von Fritz Schmid.

Der erste Bergtote freilich, der auf dem Gottesacker mit Blick auf den Ödstein seine letzte Ruhe fand, war ein Einheimischer. Genau heute vor 200 Jahren, am 13. Juni 1810, wurde "Oswaldus Loimer, Schaafhirt beim Kassegger, katholisch, männlich, 13 Jahre", hier zu Grabe getragen. "Ist von der Höhe eines Berges heruntergestürzt und todt gefunden worden", heißt es im Totenbuch der Pfarre, sein Grab existiert schon lange nicht mehr.

Viele andere schon. Das von Eva Schistl etwa. Die 44-jährige Linzerin machte sich im November 1951 trotz aufziehender Schlechtwetterfront und mehrerer Warnungen auf den Weg zum Hochtor. Allein, "der pure Wahnsinn", schüttelt Hasitschka - selbst Bergretter - den Kopf. 50 Meter unter dem Gipfel wurde sie gefunden, "der Tod dürfte durch Erschöpfung und Kälte eingetreten sein", so die Zeitung.

Alle liegen sie da. Stehkragen- und Rollkragenträger, Professoren und Arbeiter. Wie Leopold Potetz, Josef Huspek und Karl Bauer, drei Autoschlosser aus Wien, die 1928 in einer Dreierseilschaft in eine Schlucht - und damit in den Tod stürzten.

"Die Touristentragödie auf dem Großen Buchstein" sorgte zu Ostern 1931 gar für Schlagzeilen: August Ellinger, ein Lehrling (17), sowie die Beamten Karl Lutz (23) und Helmut Ade (25) wollten mit einem vierten über den vereisten Westgrat klettern. Es fehlte ihnen an Erfahrung und Kondition, und dann kam auch noch eine Schlechtwetterfront auf. Einer schaffte es, konnte Hilfe holen. Zu spät. Die Retter fanden die abgestürzten Ellinger und Ade tot - und als sie fast bei Lutz waren, verließen ihn die Kräfte, er stürzte vor ihren Augen in die Tiefe.

BEATE PICHLER

Der Friedhof

1810 wurde der erste Bergtote in Johnsbach begraben.

Hier liegt u. a. der Maler Gustav Jahn oder Helmut Senekowitschs Bruder Hans, der erste Bergtote im Gesäuse nach dem Krieg 1945.

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