Ihr Weg zu Gott führte über die Berge
Allerheiligen auf dem Bergsteigerfriedhof in Johnsbach im Gesäuse: Von rauen Haudegen,wilden Hunden und Helden, deren Leben der Berg war. Und leider auch ihr Tod.

Foto © Ewin Scheriau
Als Josef Herzmann und Adolf Kupfer 1885 mit der Kronprinz-Rudolf-Bahn ins Gesäuse kamen, ahnten sie nicht, dass sie nie wieder nach Hause zurückkehren werden. Nicht einmal tot werden sie ihr Wien wieder sehen. Heute, 123 Jahre später, steht ihr Grabstein hinter der Kirche in Johnsbach. Rau, kantig, schön. Wie der Berg, auf dem sie zu Tode kamen. Auf der Südseite des Totenköpfl. Ein Omen.
Viele Besucher. "Sie waren die Ersten", sagt Berufsjäger Johann Schober. Gänsehaut. Er nimmt einen tiefen Zug von seiner Pfeife, als wäre Tabak sein Antrieb. Irgendwo nuschelt der Johnsbach, der Wind treibt die Dämmerung vor sich her und der Ödstein hat sich finster vor dem unebenen Bergsteigerfriedhof aufgebaut. Hie und da flackert ein Grablicht. Efeu rankt sich um verwitterte Messingkreuze, wie die Anekdoten um die Abenteurer, die auf ihrer Suche nach dem Gipfelsieggefühl hier in jungen Jahren den Tod fanden. "Es war zu kompliziert, sie heimzubringen, deswegen wurden sie hier eingegraben", erzählt Schober zu Ende. Er macht eine Pause, seine Sätze entfalten ihre Wirkung. Irgendwo werkelt Margarethe Kettner, sie ist für den Friedhof zuständig. Viele Besucher kommen zum Bergsteigerfriedhof. Eine Pilgerstätte. Vor allem zu Allerheiligen. Sie bleiben vor den Grabsteinen stehen, lesen die Botschaften und rechnen nach, wie alt die Männer waren. Die keine Männer, sondern Burschen waren.
Die Berge, Leben und Tod. "Es gibt viele Wege zu Gott, seiner führte über die Berge", steht da in Schnörkelschrift. "Die Berge waren dein Leben und dein Tod“, verkündet ein anderer pathetisch. Dazu die vergilbten Bilder von Helden. Verwegen, wacher Blick, ausgebeulte Hosen. Alle ein bisserl Luis Trenker. "Im 18. Lebensjahr", lesen die Touristen halblaut. Danach schütteln sie den Kopf, ob der Tragik. "So jung sterben, das ist nix“, fuchtelt Margarethe Kettner so wild, dass das goldene Kreuz um ihren Hals wackelt. Vor allem Pfingsten 1936 sei?s schlimm gewesen. Ein Wettersturz. Sie weiß das, weil ihr Mann am 6. Juni 1936 geboren ist. Ihre Schwiegermutter hat ihr immer davon erzählt, wie grausig das Wetter damals war. ?Wie beim Weltuntergang.“ Kettner zieht den Rechen den Kiesweg entlang. Es klingt, als würde jemand eine Sense dengeln. Große Freude hat sie mit dem Enzian, der auf den Gräbern geradezu wuchert. Er steht für Treue. Treue, ein Freundschaftsdienst über den Tod hinaus.








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