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Zuletzt aktualisiert: 21.07.2011 um 20:38 UhrKommentare

Visionär unter Blinden

Er ist ein Dichter von Weltrang, hierzulande aber gerne "vergessen". In Bad Aussee wird Hermann Broch nun aber gebührend gewürdigt.

Philosophische Themen mit theatralischen Mitteln bearbeitet der Regisseur, Autor, Schauspieler und Robert-Musil-Experte Jürgen Kaizik. In einer alten Villa in Bad Aussee hat er dafür das passende Ambiente gefunden und bereits einige literarische Gustostückerln geboten. Die dritte Saison seiner "bluatschwitz blackbox", benannt nach der steilen Auffahrtstraße zu dem Theater, ist Hermann Broch gewidmet, der heuer seinen 125. Geburtstag und 60. Todestag hat.

Mit dem "Antifestival", wie Kaizik seine Hommage an Broch nennt, würdigt er einen Autor, der in eine Reihe mit Musil, Joyce und Proust zu stellen ist, aber meist vernachlässigt wird, obwohl er sogar für den Nobelpreis vorgeschlagen war. Aber auch bei der Aufzählung der Literaten, die ihre Sommerfrische vor dem Zweiten Weltkrieg im Ausseerland verbrachten, wird er gerne "vergessen", obwohl seine Biografie auf das Engste mit der Region verbunden ist: Immer wieder zog sich Broch zum Schreiben in das steirische Salzkammergut zurück.

Am 14. März 1938 wurde der "Dichter wider Willen", wie ihn Hannah Arendt einmal nannte, in Altaussee verhaftet, nachdem ihn ein Briefträger wegen des Abonnements einer kommunistischen Zeitung an die Nazis verpfiffen hatte. Einige Wochen saß er im Gemeindekotter. In dieser Zeit begann er sein Hauptwerk, "Der Tod des Vergil", zu schreiben, wobei der hochpolitische Denker und Autor die aktuellen Probleme in die Antike versetzte. Einige Monate später konnte er mit der Hilfe von Albert Einstein und Thomas Mann über England in die USA fliehen.

"Selbst wenn Hitler tot ist, ist der Hitlerismus nicht tot", war Broch überzeugt und arbeitete an einer Theorie zum Massenwahn. Die größte Menschheitssünde war für ihn die Gleichgültigkeit.

Über den Altausseer Briefträger schrieb Kaizik ein Volksstück ("Zacharias, Briefträger"), das in der bluatschwitz blackbox heute uraufgeführt wird. Dem Autor geht es nicht darum, "einen Menschen in die Pfanne zu werfen", er möchte viel mehr "einen Menschen, mit allen seinen Zweifeln, der zum Schluss geläutert ist", zeigen. Daneben sollen szenische Lesungen (Wahrheit, Politik, Liebe) eine "Reise" ins Innere des Romans "Der Tod des Vergil" ermöglichen. Eine Huldigung, hoch verdient, dringend erforderlich.

ELISABETH WELZIG

Infos

Szenische Lesungen am 22., 23., 29. und 30. Juli (20 Uhr) in der bluatschwitz blackbox: Sigmund-Freud-Straße 39, Bad Aussee. Tel. 0699 17 08 98 66.

www.bluatschwitzblackbox.eu

Hermann-Broch-Tage am 19. und 20. August im Literaturmuseum Altaussee.

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