Wo überflüssige Kilos nur die Nebenrolle spielen
Ein Tag im Diätcamp: Sporteln und gesunde Kost lassen die Kilos der kleinen Gäste in Bad Aussee purzeln. Und das Selbstbewusstsein steigen.

Foto © KLZ DIGITAL/Scheriau
Jimmy ist Wiederholungstäter. Schon zum dritten Mal steigt er mit seinen überflüssigen Kilos in den Ring. Schuldgefühle kennt er aber nicht. Immerhin hat er schon ein paar Runden für sich entschieden, lässt sein Gewicht im Kampf gegen das Fastfood langsam schmelzen. Grinsend zeigt er seine Zahnlücke, streckt die Beine zur Zimmerdecke aus und setzt zur nächsten Übung an. "Schaut's euch den Jimmy an", ruft Trainerin Simone Friesacher quer durch das Sportzimmer mit Blick auf den Loser, und zehn neugierige Augenpaare schwenken in die Richtung des kleinen Luxemburgers. Ja, es macht ihn stolz, ein Vorbild zu sein. Gerade weil das eine völlig neue Erfahrung ist.
Wir befinden uns im Jugend- und Familiengästehaus in Bad Aussee. Rund 40 Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren machen hier Gesundheitsferien. Das Wort Diät hört man nicht gerne, auch wenn sich im Grunde alles darum dreht. Der Hauptakteur ist der quirlige Kinderhaufen, die Kilos haben nur eine Nebenrolle. Auch, ob man drei oder 30 Kilo zu viel hat, ist egal. Ganz im Gegensatz zum normalen Leben der Kleinen.
Viele von ihnen haben es im Alltag nicht leicht, werden von ihren Mitschülern gehänselt. Es sind Worte, die sich tief in der Seele verankern. Und diese auch verletzen. "Wenn sie bei uns ankommen, kann man ihnen eine gewisse Schwere auf den ersten Blick anmerken. Und damit meine ich nicht ihr Gewicht", erklärt Camp-Leiterin Elfriede Haagen. Erst im Austausch mit Gleichgesinnten öffnen sich die Kinder. Erzählen von ihren Sorgen und Wünschen.
Flohzirkus
Der Blick auf den hüpfenden Flohhaufen irritiert. Schüchternheit ist hier nicht zu spüren. "Schau, meine Zehen sind türkis", meint Sarah mit blitzenden Augen und streckt vergnügt ihre nackten Füße in die Luft. "Haben wir beim Mädels-Abend gemacht. Da schminken wir uns immer", meint die Jüngste im fitten
Feld und stapft weiter. Es geht zum Nordic Walking unter strahlend blauem Himmel. Ohne Murren, ohne Widerspruch.
Vorher muss aber noch die Jause gerichtet werden. Chefkoch Georg schmeckt den Karotten-Apfel-Nuss-Aufstrich ab. Dass der selbst gemacht und gesund ist, ist selbstverständlich. Eine Löffelspitze wird mit verzwickter Miene probiert. Das Fazit: "Irgendwas fehlt." Nach dem Nachsalzen gehen die Daumen nach oben. Mahlzeit.
Ein Blick auf die Wand hinter den Kindern ruft wieder das ernste Ziel ihres Urlaubs in der obersteirischen Idylle in Erinnerung. Auf der einen Seite hängen die Tagespläne. Sieben Uhr Wiegen, steht auf einem der bunten Poster. "Alle vier Tage muss es sein. Die Kinder definieren sich leider nur über ihre Kilos", erklärt Haagen. Auf der anderen Seite findet man die Essregeln. "Ich esse nicht heimlich, nur bei den Mahlzeiten, immer am Tisch und sammle keine Nahrungsmittel", steht mit blauem Filzstift geschrieben. Ob sie das immer einhalten? "Naja." Der Finger zeigt auf das gebastelte Camp-Krokodil, das in seiner Schnauze aus Seidenpapier verbotene Süßigkeiten verschwinden lässt. Anonym, versteht sich. Sein Bauch ist regelmäßig gut gefüllt. Das verlangt die Ehre.
Schwach werden sie aber immer an den Besuchertagen. Wenn ihre Eltern ihnen etwas Gutes tun wollen. Schnitzel mit Pommes gibt es zur Belohnung beim Dorfwirten. "Das ist einfach unverständlich", schüttelt Haagen den Kopf. Deshalb wird die Rückkehr ins normale Leben immer zur Bewährungsprobe. Angst davor haben die Kinder aber nicht. An sich selbst zu glauben, das haben sie nämlich unter ihren neuen Freunden gelernt.








