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Zuletzt aktualisiert: 21.07.2012 um 22:20 UhrKommentare

"Durch das Tal schoss eine riesige Wand"

Durch St. Lorenzen im Paltental schob sich eine Mure gewaltigen Ausmaßes. Sie riss sogar Gebäude mit sich, eine Person wurde verletzt. Der Ort und ein weiterer wurden evakuiert. Bewohner verloren binnen Minuten alles.

Hier stand einmal eine Scheune. Gerhard Siebenbrunner schaut verzweifelt auf den Schlamm, unter dem Teile seines Heimathofes begraben liegen

Foto © EDERHier stand einmal eine Scheune. Gerhard Siebenbrunner schaut verzweifelt auf den Schlamm, unter dem Teile seines Heimathofes begraben liegen

Punkt sieben Minuten nach fünf Uhr. Gundi Gabler weiß den Zeitpunkt auf die Minute genau, als die Katastrophe über den Triebener Ortsteil St. Lorenzen hereinbrach. "Fährt da der Bagger ins Tal hinein?", fragte sie sich noch. Doch das dumpfe Grollen war eine sich nähernde gewaltige, meterhohe Mure, die alles mit sich riss, was sich ihr in den Weg stellte: Bäume, Felsbrocken, Wirtschaftsgebäude, Dutzende Autos, Tonnen an Geröll.

Die Mauern ihres Bauernhauses aus dem 15. Jahrhundert hielten den Urgewalten stand. Doch drinnen in der erst kürzlich renovierten Stube im Erdgeschoß , in der Heinz Gabler Freitagabend noch seinen 60er gefeiert hatte, ist alles voller Schlamm. Samstagnachmittag holt die Familie noch lieb gewonnene Habseligkeiten wie eine alte Pendeluhr aus dem Haus. Bleiben kann sie nicht. Der Ort wurde evakuiert.

Die Bewohner sprechen von unfassbaren Szenen, die sich in der Früh in St. Lorenzen abgespielt haben. In der Nacht zuvor hatte es ununterbrochen geschüttet. An Schlaf war in den Häusern entlang des Lorenzenbaches nicht zu denken. Mit ungeheurem Getöse schossen die Wassermassen durch das Bachbett. Gegen fünf Uhr früh plötzlich nicht mehr. "Es ist auf einmal total still geworden, den Bach hat man überhaupt nicht mehr gehört", schildert ein Betroffener. "Die Menschen sind aus den Häusern rausgekommen, um zu schauen, was los ist. Durch das Tal schoss eine riesige Wand aus Wasser, Schlamm, Geröll und Bäumen. Große Bäume sind teilweise stehend in der Mure mitgerissen worden. Wir sind nur mehr um unser Leben gerannt. Ums Haus herum, den Hang hinauf. Einfach nur weg."

Ein Mann wurde verletzt. Dass nicht noch viel mehr passiert ist, grenzt an ein Wunder. Wie im Fall von Günther Schöttl, der sich in einer Hütte neben dem Bach aufhielt. Vor der Mure flüchtete er in ein nahes Gebäude. Wenig später wurde die Hütte von den Geröllmassen vom Fundament gefegt und mehr als 50 Meter mitgerissen. Aber auch das Gebäude, in das er sich geflüchtet hatte, blieb nicht verschont. Ein Baum krachte aufs Dach. Im Schein einer Stirnlampe musste er neuerlich die Flucht ergreifen und fand in St. Lorenzen Unterschlupf. Er galt erst als vermisst und wurde von den Einsatzkräften gesucht. Als einer ihn fragte, ob er etwas über den Verbleib von Günther Schöttl wisse, die trockene Antwort: "Ja, das bin nämlich ich."

Wasser überall

Auch Dieter Schaschnig ist nur knapp der Mure entkommen. Er saß in der Stube im Gasthaus seines Vaters, las die Zeitung und glaubte ebenfalls, einen Bagger kommen zu hören. Der Blick hinaus vor die Türe hätte beinahe verhängnisvoll geendet. "Das Wasser ist hereingeschossen, plötzlich war alles voll." Jetzt ist alles kaputt, mit seinen Söhnen und Feuerwehrleuten schaufelt er den Dreck hinaus. "Der Vater ist gerade im Spital. Vielleicht ist das jetzt sogar besser so."

Im Sitzungssaal im Triebener Rathaus koordinieren Bezirkshauptmann Josef Dick und Bürgermeister Helmut Schöttl mit den Einsatzorganisationen die Maßnahmen im schwer getroffenen Bezirk Liezen. Auch Oppenberg ist über die Straße nicht mehr erreichbar, von den Wetterstationen kommen laufend neue Hiobsbotschaften. Am Nachmittag beschließt man, auch die Ortschaft Schwarzenbach zu evakuieren. Zu groß ist das Risiko, dass die rund 150 Bewohner in der Nacht von einer Mure überrascht werden. Im Triebener Freizeitheim betreut das Rote Kreuz jene Evakuierten, die nicht bei Verwandten oder Freunden unterkommen konnten. Viele sind nervlich am Ende, es ist schon die zweite Evakuierung binnen eines Monats. Doch es gibt auch erleichterte Gesichter. Vor allem, als am Nachmittag weitere Feuerwehrleute und 160 Soldaten aus steirischen Kasernen anrücken.

WILFRIED ROMBOLD, CHRISTIAN NERAT

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