Fataler Leichtsinn in unseren Bergen
Bereits seit mehreren Jahren erlebt der Bergsport in all seinen Ausprägungen einen Boom, doch: Im August 2011 rückte der Rettungs-Hubschrauber doppelt so oft nach Alpinunfällen aus wie im August 2010. Die meisten Todesfälle am Berg betreffen Wanderer, die älter als 50 Jahre alt sind.

Foto © APAMehr als die Hälfte der tödlichen Unfälle auf den Bergen ereigneten sich im leichten Gelände, beim Klettern sterben weniger
Von einem Stein wurde Norbert St. (54) am Sonntag auf dem Gamskogel in den Triebener Tauern tödlich getroffen. Beim Abstieg auf dem markierten Steig hatte sich im 35 Grad steilen Geröllgelände das Felsstück gelöst und traf den 54-Jährigen auf der linken Körperhälfte. Laut Polizei war er sofort tot. Österreichweit starben von Anfang Mai bis Ende August 116 Menschen auf den heimischen Bergen, um zwei mehr als 2010.
Die Zahlen, die das Kuratorium für Alpine Sicherheit (KfAS) aus den Einsatzdaten der Alpinpolizei ermittelt, umfassen Kletter-, Wander-, Forst- sowie Verkehrsunfälle in alpinen Lagen. "Mit Abstand am meisten tödliche Unfälle passieren beim Wandern", betont der Statistiker Hanno Bilek vom KfAS. Das höchste Risiko birgt dabei die Gruppe der über 50-Jährigen. 62 Prozent aller heuer auf den heimischen Bergen Verunglückten sind älter als 50. "Das hängt primär damit zusammen, dass die meisten tödlichen Unfälle aufgrund von internen Notfällen, wie Herzkreislaufversagen, geschehen", erklärt Bilek. Deshalb werden die Bergretter großteils vor allem im leichteren Gelände zu Einsätzen gerufen.
Bereits seit mehreren Jahren erlebt der Bergsport in all seinen Ausprägungen - vom Wandern bis zum Klettern im hochalpinen Gelände - einen Boom. "Generell bietet der Bergsport Erholung, aber auch den Reiz der Herausforderung. Man muss sich fordern und an seine Grenzen gehen. Dadurch kann man sich auch mental und persönlich profilieren", meint Hans-Peter Scheb, Alpinreferent des steirischen Alpenvereins, als Grund für die große Beliebtheit des Wanderns und Kletterns auszumachen.
Selbstüberschätzung
Doch durch die große Zahl an Freizeitsportlern, die auf den heimischen Bergen unterwegs sind, steigt auch die Zahl der Unfälle. "Allein im August hatten wir 46 Hubschrauberbergungen. Doppelt so viele wie im Vergleichszeitraum des vergangenen Jahres", betont Fritz Seidl, Leiter der Bergrettung Steiermark. Ein Faktor war auch das perfekte Wetter im August, das viele für Bergtouren genutzt haben.
Einig sind sich die Experten darin, dass die meisten Bergsportler das Risiko gar nicht einschätzen können, das sie bei ihren Touren eingehen. "Der Tourismus wirbt immer mehr für Klettersteige. Allerdings wird dabei absolut unterschätzt, dass die Touren sehr kraftaufwendig sind", sagt Scheb. Ein Grund dafür ist die mangelnde Planung der Bergtouren, wie Bilek betont: "Viele sagen, heute gehen wir wandern, ohne davor auch nur einmal eine Karte anzusehen."
Die Wanderer verlassen sich zudem oft auf ihre Ausrüstung. "Der klassische Halbschuhtourist ist zwar ausgestorben", weiß der Experte vom KfAS. Doch gut ausgerüstet zu sein ist nicht gleichbedeutend mit Sicherheit. "Es gibt eine gigantische Palette an Ausrüstungsgegenständen", betont Alpinreferent Scheb, "vielfach wird die Ausrüstung nicht ausreichend an die jeweilige Situation angepasst." Zur Vorbereitung gehöre eben auch das richtige Dosieren der Gegenstände, die man auf die Tour mitnimmt. "Es macht keinen Sinn, zehn Kilo falsche Ausrüstung den Berg hinaufzuschleppen, wenn man mit vier Kilo auch auskommen würde", sagt Scheb.
Um für jede Situation gefeit zu sein, hat Bergrettungschef Fritz Seidl ein paar Tipps parat: Man sollte immer genügend Jause und Getränke mitnehmen und regelmäßig Pausen einlegen. Neben dem Überprüfen des Wetterberichts sollte man zeitig in der Früh losgehen, da am Nachmittag Gewitter auftreten können. "Im Notfall besonders wertvoll ist auch ein Handy in der Ausrüstung", betont Seidl.
Features
Unfallstatistik
Österreichweit kamen zwischen 1. Mai und 31. August 116 Menschen bei Unfällen im alpinen Raum ums Leben, um zwei mehr als im Vergleichszeitraum 2010.
In der Steiermark verunglückten in diesem Zeitraum acht Bergsportler tödlich, 2010 waren es noch 18.
Am meisten tödliche Unfälle passieren in einfachem Gelände beim Wandern. Österreichweit waren es heuer 52 Prozent, in der Steiermark vier von acht Verunglückten.
Der Großteil der Menschen, die am Berg sterben, sind über 50 Jahre alt. Diese Zahl geht Hand in Hand einher mit der Unfallursache Nummer 1: Heuer war Herzkreislaufversagen die Ursache von 62 Prozent der tödlichen Alpinunfälle.
Rund 80 Prozent aller Todesopfer, die beim Bergsport zu beklagen sind, sind männlich. Das hängt laut Experten etwa mit ihrer höheren Risikofreudigkeit zusammen.


















