"Das größte Luxusgut ist die Langsamkeit"
Der ehemalige Vollblutpolitiker Hannes Missethon hat in seinem neuen Lebensabschnitt die Langsamkeit und die Kunst für sich entdeckt.

Foto © Andrea WalentaHannes Missethon macht nun eine Ausbildung zum Psychotherapeuten und hat eine Kunstagentur gegründet
H err Missethon, Sie waren VP-Bezirksparteiobmann, Nationalratsabgeordneter und von 2006 bis 2008 Generalsekretär der ÖVP. Danach haben Sie sich völlig aus der Politik zurückgezogen. Wie haben Sie diesen Schritt geschafft?
HANNES MISSETHON: Für mich war klar, dass diese Lebensphase beendet ist. Es war anfänglich aber nicht einfach, einen neuen Lebensrhythmus zu finden. Es stand fest, dass ich mich selbstständig mache, aber wie und was, wusste ich nicht. Ich habe mir in meiner Entscheidungsphase Zeit gelassen, und es hat interessante Aspekte gegeben, die mich nachdenklich gemacht haben.
Welche Aspekte waren das?
MISSETHON: Für mich war die Stille so ungewohnt. Ich musste wieder lernen, diese zu ertragen. Das größte Luxusgut, das ich in dieser Zeit gefunden habe, ist die Langsamkeit. Ich habe wieder Lust gehabt, Bücher zu lesen. Anfänglich habe ich für die ersten fünf Seiten zehn Anläufe gebraucht. Das hat mich sehr nachdenklich gemacht, denn ich war nur mehr auf Überschriften und schnelles Lesen konditioniert. Dann habe ich Dutzende Bücher gelesen und mein Lebenstempo gefunden. Im Herbst vorigen Jahres habe ich einen lang ersehnten Wunsch in die Tat umgesetzt: Ich habe mit der Ausbildung zum Psychotherapeuten begonnen. Dafür habe ich früher leider keine Zeit gefunden.
Warum gerade die Psychotherapie?
MISSETHON: Die Psychotherapie hat mich schon vor meiner Zeit als Politiker interessiert, und ich habe bereits in meinen Unternehmen Psychotherapeuten zur Unternehmensberatung beigezogen, weil diese anders agieren als Unternehmensberater. Psychotherapeuten praktizieren ein sensibles Hinführen zu Lösungen, und diese Lösungen kommen dann nicht vom Therapeuten, sondern von einem selbst.
Und was wollen Sie, wenn Sie mit der Ausbildung fertig sind, machen?
MISSETHON: Jetzt bin ich 52 Jahre alt. Wenn ich fertig bin, das wird etwa mit 59 sein, mache ich eine Praxis auf.
Und wo? In Vordernberg, wo Sie jetzt gerade ein internationales Kunstprojekt initiiert haben?
MISSETHON: Das kann ich noch nicht sagen, aber in Vordernberg gefällt es mir besonders gut. Hier gibt es Langsamkeit und Tiefgründigkeit. Vordernberg könnte ein guter Platz für so etwas sein.
Beim Kunstprojekt geht es um "Kunst der Versöhnung". Als Politiker haben Sie immer Öl ins Feuer gegossen, waren als Wadlbeißer bekannt und haben keinen Konflikt gescheut. Wie passt das zusammen? Und warum haben Sie eine Kunstagentur gegründet?
MISSETHON: Konflikt und Versöhnung sind ein Paar, das zusammengehört. Ich habe Konflikte leidenschaftlich ausgetragen und Konfliktbereitschaft gelernt. Daher weiß ich auch, wie die Mechanismen funktionieren. Versöhnung ist mehr als ein Kompromiss. Beim Kompromiss gibt man sich die Hand, bei der Versöhnung umarmt man sich. In der heutigen Gesellschaft gibt es eine Sehnsucht nach Versöhnung und eine Sättigung von Konflikten. Die Kunst ist jetzt mein Thema, sie fasziniert mich und hat meine Neugierde geweckt. Das ist jetzt eine spannende Lebensphase für mich, die auch zu meiner Ausbildung als Psychotherapeut passt. Bei meiner Kunstagentur handelt es sich um eine klassische Agentur für europäische Projekte, wie das in Vordernberg. An diesen werden wir die nächsten zehn bis 15 Jahre weiterarbeiten, denn es lassen sich viele Themen mit Versöhnung bearbeiten. Ich hoffe, so etwas wie eine Marke in Vordernberg zu kreieren, Vordernberg ist ein guter Boden dafür. Das Projekt ist richtig. Wenn etwas richtig ist, geht es leicht, und ich habe schnell hochkarätige Unterstützer gefunden.
Und die Politik reizt Sie gar nicht mehr?
MISSETHON: Nein. Ich habe in der Politik große Lebenserfahrung gewonnen und hatte einen guten Ausstieg ohne Bitterkeit.
INTERVIEW:ANDREA WALENTA








