Rückwärts gehen und vorwärts denken
Wie wichtig Alltagsbewegungen für die Entwicklung von Kindern sind, machte der deutsche Sport- und Bewegungswissenschafter Dieter Breithecker Lehrern in St. Michael klar.

Foto © PrivatDieter Breithecker ist auch Leiter der Bundesarbeitsgemeinschaft für Haltungs- und Bewegungsförderung
Der Zappelphilipp aus Heinrich Hoffmanns Buch "Der Struwwelpeter" ist vielen bestens bekannt. "Ob der Philipp heute still wohl bei Tische sitzen will?"
Ums Zappeln und still sitzen in der Schule ging es auch in einem Vortrag, den der deutsche Sport- und Bewegungswissenschafter Dieter Breithecker kürzlich in der Hauptschule St. Michael vor Lehrern aus der ganzen Steiermark gehalten hat.
Breithecker ist überzeugt, dass langes Sitzen in der Schule, aber auch in der Freizeit sowie der zunehmende Mangel an Alltagsbewegungen Risikofaktoren für die körperlichen und geistigen Entwicklungsprozesse bei Zwei- bis Elfjährigen sind. Breithecker sieht vor allem im Mangel an Alltagsbewegungen ein Grundübel.
"Mit Alltagsbewegungen meine ich, zu Fuß zur Schule zu gehen, auf Bäume zu klettern und die Umwelt zu erkunden", so der Wissenschafter. Diese Art der Bewegung finde heutzutage auch aufgrund eines gesteigerten Sicherheitsdenkens der Gesellschaft nicht mehr statt. "Eltern schränken ihre Kinder in der Bewegung oft ein. Wenn es heißt: ,Mach dich nicht schmutzig. Tu dir nicht weh."
Schaukeln
"Ein Kind kann nicht länger als fünf Minuten still sitzen", so Breithecker. Diesem Umstand solle man auch in der Schule Rechnung tragen, und zwar mit entsprechendem Mobiliar. Es gehe dabei um Sessel, mit denen man gefahrlos schaukeln und verschiedene Haltungswechsel einnehmen könne. "Mit einem starren Stuhl geht das nicht", meint Breithecker. Er appelliert daher an die Schulverantwortlichen bei Neuanschaffungen, auf starre Sessel zu verzichten. Auch Stehpulte seien durchaus zu empfehlen, denn: "Je flexibler das Inventar, desto flexibler und dynamischer kann unterrichtet werden."
Durch das Schaukeln würden auch wichtige Sensoren im Körper aktiviert. Sind diese aktiviert, werden Botenstoffe für das Gehirn wach. "Bewegung hat auch Effekte auf das Gehirn. Damit es sich entwickelt, braucht es auch Bewegungsreize", erklärt der Wissenschafter. Das seien aber Bewegungen, die nichts mit Sport zu tun hätten.
Heutzutage hätten Kinder immer wieder mit Entwicklungsverzögerungen zu kämpfen. "Bei der Einschulung können Kinder oft nicht auf einem Bein stehen. Wenn es aber bei motorischen Abläufen Probleme gibt, hat das auch Auswirkungen auf die geistige Entwicklung, denn: Wer nicht rückwärts gehen kann, kann auch nicht vorwärts denken", ist Breithecker überzeugt.
Wichtig sei es auch, dass Kindern etwas anderes angeboten werde als Computer oder Fernsehen. "80 Prozent der Kinder würden auf ihren Computer verzichten, wenn man mit ihnen ein Baumhaus bauen würde. Das heißt aber, dass Eltern in der Pflicht sind, den Kindern interessante Angebote zu machen."








