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Wilhelm Krautwaschl

Der Bischof liest auch gerne mal einen Krimi

Der Gleisdorfer, der auszog und Bischof wurde – Wilhelm Krautwaschl im Gespräch über seinen Weg als Priester und seine Technikaffinität. Von Jonas Pregartner

Bischof Wilhelm Krautwaschl im persönlichen Gespräch über sein Leben und seine Verbundenheit zur Region © Jonas Pregartner
 

Sie sind seit fast drei Monaten Bischof der Diözese Graz-Seckau. Wie haben Sie Ihren Dienst bis jetzt erlebt, fühlen Sie sich schon in diesem Amt „angekommen“?
BISCHOF WILHELM KRAUTWASCHL: Wann ist man angekommen? Das ist die erste Frage. Durch meine verschiedenen Aufgaben zuvor (u.a. als Regens des Augustinums, Anm.) hatte ich bereits eine Ahnung, was auf mich zukommen wird. Jetzt im Sommer war es eher noch ein „Schauen, was alles los ist“. Das Geordnete fängt mit der Pfarrerwoche und größeren Veranstaltungen in der Diözese mit den hauptamtlich in der Seelsorge Tätigen an.

Aufgewachsen sind Sie in Gleisdorf, auch Ihre Mutter lebt dort. Was verbinden Sie mit der Stadt?
KRAUTWASCHL: Die ersten zwei Jahrzehnte meines Lebens. Aber man kann seine Wurzeln nicht abschneiden – wie man auch nach wie vor an meinem Zungenschlag merkt. In Erinnerung geblieben ist mir die Entwicklung, welche die „Kleinstadt“ durchgemacht hat. Als ich als kleiner Bub draußen im Hof – 100 Meter von der Pfarrkirche entfernt – gespielt habe, war die vorbeiführende Straße nicht einmal asphaltiert – und jetzt ist Gleisdorf eine prosperierende, moderne Stadt geworden.

Was bedeutet für Sie der Begriff Familie?
KRAUTWASCHL: „Daham“. Aber nicht Heimat im örtlichen, sondern im ideellen Sinn. Trotz allem, was in jeder Familie an unterschiedlichsten Entwicklungen vorkommt, etwa Auseinandersetzungen in der Kinderzeit, ist es jedes Mal ein Heimkommen.

Nach Ihrer Matura haben Sie für das Theologiestudium inskribiert, mit dem Ziel Priester zu werden. War ein anderer „Beruf“ für Sie nie ein Thema?
KRAUTWASCHL: Ich kann mich an einen Einkehrtag während meiner Zeit im Priesterseminar erinnern, wo uns die Frage „Was hättest du gemacht, wenn du nicht diesen Weg gegangen wärst?“ mitgegeben wurde. Da ist mir nichts eingefallen – und auf einmal habe ich eine Krise gekriegt, denn wenn man keine Alternative hat, kann man sich auch nicht entscheiden. Damit sind dann die krisenhaften zwei Jahre losgegangen, wo auch andere Fragen hinzugekommen sind, denn der liebe Gott hat so seine Art, sein ganzes Register zu ziehen, um herauszuschälen, worum es dir wirklich geht. Das war eine spannende Zeit, die ich nicht missen möchte.

Erzählen Sie etwas über Ihre Kaplansjahre in Hartberg, Knittelfeld und in Bruck an der Mur, wo Sie später auch Pfarrer und Dechant wurden. Haben Sie in diesen Pfarren noch Freunde oder kommen öfters dorthin zurück?
KRAUTWASCHL: Die erste Herausforderung als Priester – wenn man Kaplan wird – nennt man die „erste Liebe“. Das ist für mich Hartberg, nach wie vor. In diesen ersten drei Jahren, von 1990 bis 1993, konnte ich dort in die Seelsorge eintauchen. Geschlossene Freundschaften und Bekanntschaften gestalten sich dann, wenn man fortgeht, natürlich anders. Eine ganz andere Situation war für mich Knittelfeld – Obersteiermark, Arbeitermilieu. Eine Gegend, wo viele gesagt haben, mit dieser Kirche würden sie nicht weitergehen wollen, und ausgetreten sind. Statt der einen in Hartberg waren drei und später fünf Pfarren zu betreuen. Dass sich Kirche dann trotz dieser Veränderung in ihrer Struktur bewährt, war eine ganz andere Herausforderung. Das eine Jahr als Kaplan in Bruck an der Mur „überspringe“ ich, von dort ist mir mehr das Pfarrer-Sein in Erinnerung geblieben. Verantwortung übernehmen, man ist Dienstgeber. Das Immer-wieder-neu-Versuchen, das Evangelium in eine Gegend hinein zu inkulturieren, finde ich einfach spannend. Priester bzw. Seelsorger ist einer der spannendsten Berufe, man hat es mit Menschen zu tun – und diese sind einzigartig.

Sie haben kürzlich Urlaub in Italien gemacht. Wie verbringt ein Bischof seine freien Tage?
KRAUTWASCHL: Ganz einfach: Ich nehme Abstand von meiner Arbeit – aber natürlich nicht vom lieben Gott. Ich bin kein Sportler. Wenn gewandert wird, mache ich zwar mit – aber das ist nicht meins. Freizeit bedeutet für mich ausruhen, lesen und in diesem Fall am Strand liegen. Ich war in Italien nicht alleine unterwegs, sondern mit ein paar Priesterkollegen und wir haben uns auch Verschiedenes angeschaut.

Was sind Ihre Hobbys?
KRAUTWASCHL: Neben dem Lesen – nicht nur theologische Literatur sondern auch Banales, etwa Krimis – auch Beobachtung der technischen Entwicklungen und Musik hören. Wenn mir jemand über den Weg läuft, den ich kenne, und mit dem ich schon lange einmal reden wollte, gehen wir durchaus auch miteinander essen.

Sie sind sehr volksnah und humorvoll. Denken Sie, dass die katholische Kirche mehr auf die Menschen zugehen, umgänglicher werden sollte?
KRAUTWASCHL: Die katholische Kirche sind die Menschen. In ihr haben total unterschiedliche Arten und Weisen Platz, das eigene Leben zu gestalten. Mein übliches Beispiel ist der Vinzibusfahrer und die Karmelitinnen – unterschiedlichste Lebensprojekte und trotzdem ist beides katholisch. Auf der einen Seite stehen jene, die eher spirituell für sich und andere leben möchten, andere leben das in der Hinwendung zum konkreten Menschen über die Caritas zum Beispiel. Es ist verführerisch zu meinen, dass Kirche in allen Lebensaspekten so zu sein hat, wie man es sich vorstellt. Gott sei Dank gibt es die Breite und die unterschiedlichen Meinungen. Wie geht man authentisch den Weg in der Nachfolge Christi? Da können andere, auch mit ihrem Widerstand und ihrer Kritik, helfen.

Kürzlich waren Sie mit mehr als 3000 österreichischen Ministrantinnen und Ministranten – davon 615 aus der Steiermark – in Rom…
KRAUTWASCHL: Kirche lebt. Punkt. Erzbischof Lackner bezeichnet die Ministrierenden als Champions League der Kirche. Da sind junge Leute mit Engagement ganz nahe am Feiern in der Kirche. Ich war mit ein paar von ihnen im gleichen Hotel. Wenn man sich dann beim Frühstück dazusetzt, kommt man ins Gespräch. Hier braucht man sich auch gar nicht künstlich benehmen, die Ministranten erleben einen einfach. Oder wenn man am Strand liegt und sich auch einen Sonnenbrand zuzieht wie sie. Ich habe versucht, möglichst vielen zu begegnen. Das Wichtigste ist einfach, mit den Leuten zusammen zu sein. Dann sitzt man etwa im Bus Richtung Meer und daneben jemand aus Sinabelkirchen, der fragt: „Herr Bischof, wie haben Sie eigentlich bemerkt, dass Sie Priester werden wollen?“ Und auf einmal ist man mitten im tiefsten Gespräch. Wenn man miteinander lebt, haben auf einmal die essenziellsten Fragen des Menschseins Platz.

Man sieht Sie oft mit Ihrem Handy, Sie sind auch auf Facebook und gelten generell als sehr technik-affin. Sehen Sie sich als einen „modernen“ Bischof?
KRAUTWASCHL: Wenn ich das Wort Medien ernst nehme, sind es auf gut Deutsch „Mittel“. Wenn dieses „Mittel“ der Verbreitung des Evangeliums dient – dafür stehe ich ja – soll es mir recht sein und dann kann ich es entsprechend nutzen. Ich glaube, es liegt ein pädagogischer Auftrag dahinter, dieses Instrument tatsächlich für das Miteinander zu nutzen. Es kann auch Menschen auseinandertreiben. Anscheinend schaffen es Leute nicht mehr, ihre Überlegungen, Kritik und Fragen an den Mann und die Frau zu bringen, sodass sie zu eher distanzierten wenn nicht gar anonymen Möglichkeiten Zuflucht nehmen. Da ist manches in Schieflage in der Gesellschaft. Hier habe ich auch einen Auftrag: Zu sagen, als Mensch bist du jemand, von Gott geliebt und „alles was ihr von anderen erwartet, das tut auch ihnen (Mt 7,12)“. Da ist das Evangelium auch 2015 höchst notwendig.

Zur Person

Wilhelm Krautwaschl, geboren am 5. März 1963 in Gleisdorf.

Nach der Matura Priesterseminar und Theologiestudium in Graz. Weihe und Promotion 1990.

1990–1998 drei Kaplanstellen (Hartberg, Knittelfeld, Bruck/Mur), von 1999 bis 2006 Pfarrer in Bruck/Mur, dann Regens im Bischöflichen Seminar in Graz.

Kommentare (8)

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DUerSIEesICH
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Wirklich Gruseliges erlebt er im Beichtstuhl.

Dort holt er sich die Kraft für seine Aufopferungen.
:-(

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Dagobert.2
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Was mir fehlt

Es ist alles sehr nett was man da liest- es wäre aber auch angebracht, dass sich unser Herr Bischof auch in der Flüchtlingsdiskussion mehr öffentliche Präsenz zeigt und klar positioniert.
Vor allem auch als moralische Unterstützung für die vielen Helfer aber auch als Zeichen und Einforderung bei den Pfarren die bisher wenig bis gar nichts beitragen! Beispielhaft hier der Wiener Erzbischof

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weima
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steirische Kirche - und auch der Bischof -

engagiert sich sehr für Asylwerbende:
http://www.katholische-kirche-steiermark.at/specials/asyl

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Dagobert.2
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ich denke das viele Initiativen und vor allem die Caritas hier sehr aktiv ist und großes Leistet- es gibt aber viele Pfarren die "warten" und und keine Initiative aufbringen- ebenso fehlt uns eine gewisse Medienpräsenz unseres Bischofs- wie gesagt zum Bekenntniss für Asylsuchende aber auch für die vielen freiwilligen Helfer als Motivationsschub

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Hohenwanger
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Wer ist der Täter?

Natürlich der Herr Bischof.

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aknaus
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Der Täter

ist immer der Gärtner.

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hfg
8
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Meinungsfreiheit - Pressefreiheit - ist auch ein Menschenrecht

Zu dem unbewältigten "Flüchtlingsdrama" fällt auf, das leider die berechtigten Sorgen der Bevölkerung von Allen - sogar den Medien - unterdrückt werden.
Jeder der auch nur irgendeine Kritik äußert wird als Hetzer verteufelt. Das ist leider hochgradiger Sprengstoff. Dieses Flüchtlingsproblem wird vermutlich jahrelang virulent sein, ist praktisch unlösbar und wird noch sehr viel Geld kosten, Probleme verursachen und unsere Gesellschaft verändern. Man sollte dies auch ansprechen dürfen und Antworten bereithalten und dieMenschen aufklären. Die Bevölkerung hat auch ein Menschenrecht darauf. Schlafstellen, Transportmöglichkeiten, Verköstigung, Bekleidung usw. zur Verfügung stellen reicht nicht aus. Gesetze, Rechte, Ordnung usw. muß für alle gelten - das ist die wichtigste Grundlage für zivilisiertes Zusammenleben. Menschenrechte, Asyl usw. dürfen das niemals aushebeln. Wie es jetzt leider passiert.

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Dagobert.2
1
8
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Überzogen

Was sie hier ansprechen ist fehlende Solidarität - dass wird dann mit"Ängsten"umschrieben.

Gesetze und Ordnung ja- aber es sind bis dato keine merkbaren Zunahmen von Delikten merkbar- und wenn in einem Prozentbereich der vielfach geringer ist von "Einheimischen" bzw. gewisser Ostländerbanden
leider wird hier versteckt Panikmache betrieben- Nochmals "Solidarität" ist gefragt

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