"Nicht mit dem Finger auf Spekulanten zeigen"
Er ist gebürtiger Grazer und Chefstratege von Shell, dem zweitgrößten Ölkonzern der Welt: Karl Rose über Ölpreis-Spekulanten, die Energiewende und das Bemerkenswerte an dieser Rezession.
Zuletzt sind wieder Debatten über die Rolle von Spekulanten beim Ölpreis aufgeflammt. Welche Rolle spielen sie tatsächlich?
KARL ROSE: Wir sollten nicht zu sehr mit dem Finger auf Spekulanten zeigen. Jeder Rohstoff, der so frei am Markt gehandelt wird, reagiert auf Veränderungen von Angebot und Nachfrage. Händler denken natürlich auch voraus und fragen: Was passiert in den nächsten sechs Monaten? Die Schlussfolgerungen spiegeln sich in den Waren-Terminmärkten wider. Als im Vorjahr der Ölpreis so hoch war, wurde intensiv darüber spekuliert, welcher Anteil auf Spekulationen zurückzuführen sei. Die Antwort blieb jedoch offen. Zur Zeit reflektiert der Ölpreis einfach, dass man, von der östlichen Hemisphäre ausgehend, die ersten Zeichen einer Aufhellung der Konjunktur sieht.
Die Parameter von realem Angebot und realer Nachfrage sind also nicht aus den Angeln gehoben?
ROSE: Überhaupt nicht. Das ist bei einem Rohstoff wie Öl, der rund um den Globus gehandelt wird, praktisch unmöglich. Nur bei manchen Rohstoffen, wie bei ganz seltenen Metallen, wo es nur ganz wenige Spieler am Markt gibt, ist das denkbar.
Hat die vielfach beschworene Energiewende bereits eingesetzt?
ROSE: Auf jeden Fall. Eine wachsende Bevölkerung und höhere Lebensstandards für Milliarden von Menschen in den Entwicklungsländern bedeuten, dass wir alle verfügbaren Energiequellen nutzen müssen, um die Volkswirtschaften der Welt in Gang zu halten. Tatsache ist, dass fossile Kraftstoffe, Kohle, Mineralöl und Erdgas weiterhin mehr als die Hälfte des weltweiten Energiebedarfs im Jahr 2050 decken und damit eine stabile Brücke in eine Ära schlagen, in der alternative Energieformen die Hauptrolle übernehmen. Während also ein globaler Wettlauf bei der Entwicklung alternativer Kraftstoffe stattfindet, müssen auch neue Quellen für fossile Brennstoffe wie beispielsweise Ölsande erschlossen werden. Und wir müssen noch mehr dafür tun, fossile Brennstoffe sauberer zu machen, indem das bei ihrer Produktion und Nutzung abgegebene CO2 reduziert wird.
Die Energiewende als Begriff hat ja auch immer einen etwas romantischen Beigeschmack und weniger einen wirtschaftlichen.
ROSE: Wir stehen am Anfang einer neuen Energieversorgung, die durch alternative Energien und sauberere fossile Brennstoffe gekennzeichnet sein wird. Wenn die Regierungen die richtigen Spielregeln und Anreize schaffen, werden erneuerbare Energien bis zur Mitte dieses Jahr-hunderts fast 30 Prozent des weltweiten Energiebedarfs decken.
Wie wird in 20 Jahren eine Tankstelle aussehen, der totale Mix an Kraftstoffen oder könnte sich bereits eine alternative Antriebsform durchgesetzt haben?
ROSE: Zunächst: In den kommenden Jahren werden herkömmliche Diesel- und Benzinfahrzeuge eine immer größere Reichweite pro Liter Kraftstoff erzielen. Biokraftstoffe kommen noch stärker ins Spiel - sie werden bis zu zehn Prozent des Bedarfs an flüssigen Kraftstoffen im Verkehrswesen decken. In unseren Zukunftsszenarien gehen wir davon aus, dass im Jahr 2020 bis zu 15 Prozent aller Neuwagen weltweit einen Hybridantrieb haben werden, wovon einige an die Steckdose angeschlossen werden können, um ihre Batterien wieder aufzuladen. Nach dem Jahr 2030 werden mit Brennstoffzellen betriebene Fahrzeuge einen kleinen, aber zunehmenden Anteil aller Verkehrsfahrzeuge ausmachen.
Ist das nicht ein Dilemma für einen Mineralölkonzern. Müssen Sie da nicht auf alle Pferde setzen?
ROSE: Wir sehen uns verschiedene Zukunftsszenarien an. In einem Szenario sehen wir sehr viel Biokraftstoffe, in dem anderen sehr viel elektrische Mobilität. Es ist unmöglich, vorherzusagen, wo hin die Reise geht. Wir denken darüber nach, mit welchen Strategien wir in beiden Varianten oder in Mischformen überleben können.
Bei Videos oder DVDs hat jeweils ein Krieg der Formate entschieden, welche Technologie sich durchsetzt. Ist so etwas auch im Mobilitätsbereich denkbar?
ROSE: In einem Zukunftsszenario, das nennen wir Blueprints, also Blaupausen, bilden sich Koalitionen, die von vornherein darüber nachdenken, wie sich die Zukunft gestalten kann. In so einer Welt würde es Standards geben, weil man sich zusammenschließt. In der anderen Zukunft, die würde sich Scramble nennen, englisch für Gedrängel, da kämpfen alle für sich und da würde es diese Standardkriege geben. Shell erstellt seit mehr als 40 Jahren Strategien, wir haben da noch nie Empfehlungen abgegeben. In diesem Jahr ist es aber das erste Mal, dass wir bei Shell klar sagen: Wir empfehlen Blueprints, und alle sollten darauf hinarbeiten. Wenn wir etwa aus dieser Krise zu schnell heraus wollen, ohne gemeinsam die Systeme zu verändern, dann ist die Erholung sehr oberflächlich und wir schaffen nur die Grundlage für die nächste Krise.
Shell ist der weltgrößte Player bei Biokraftstoffen. Die haben aber immer wieder mit Image-Problemen zu kämpfen, es gab diese Tank oder Teller Debatte.
ROSE: Die Vor- und Nachteile von Biokraftstoffen sind in den letzten beiden Jahren intensiv diskutiert worden. Zunächst beschränkte sich der Diskurs auf den Klimaschutz. Mit höheren Bioquoten-Zielen in Nordamerika und Europa kamen jedoch immer weitere Punkte hinzu. "Tank oder Teller" war nur ein Aspekt dieser vielschichtigen Debatte. Richtig ist, dass Biokraftstoffe einen substanziellen Beitrag zu Klimaschutz und nachhaltiger Entwicklung leisten können. Aber Bio ist nicht gleich Bio, die Unterschiede zwischen den einzelnen Biokraftstoffarten sind zum Teil sehr groß. Shell hat als eines der ersten Unternehmen überhaupt eigene Richtlinien für die Beschaffung nachhaltiger Biokomponenten entwickelt. Darüber hinaus investieren wir schon heute in Biokraftstofftechnologien der nächsten Generation. Biokraftstoffe bieten die große Chance, globale Nachhaltigkeitsstandards für die Erzeugung von Biomasse zu etablieren. Um zu einer nachhaltigen Biomassenutzung zu gelangen, müssen sich alle Beteiligten am Lösungsprozess aktiv beteiligen.
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Fakten
Karl Rose, geboren im August 1961 in Graz, Studium der Erdölwissenschaften an der Montanuniversität in Leoben.
Als Erdölingenieur ist er nach dem Studium für zwei Jahre auf einer Bohrinsel in der Nordsee tätig, danach für mehrere Jahre im Oman. Später holt ihn Shell in die Unternehmenszentrale nach Den Haag, es folgen Stationen in Washington und London.
Seit Herbst 2008 ist Rose der Chefstratege von Royal Dutch Shell.








