Zum Pflege-Regress: "Das muss es uns wert sein"
Die Kritik am Pflege-Regress, der seit 1. August gilt, hält an: Während Caritas, Volkshilfe & Co. kein gutes Haar an der Wiedereinführung lassen, agieren Betroffene gelassen.

Foto © HoffmannHilda Kroißenbrunner (101) mit ihrem Sohn Wilhelm und Schwiegertochter Gertrud
Hilda Kroißenbrunner springt sofort auf, als die Tür aufgeht. Sie habe schon gewartet, sagt die kleine, zierliche Frau und streckt den Besuchern die Hände entgegen. Hilda Kroißenbrunner wird im November 101 Jahre alt, seit drei Jahren lebt sie mit Pflegestufe vier im Pflegeheim in Wagna.
Der Pflege-Regress, der nun auf ihren Sohn Wilhelm zukommt? Frau Kroißenbrunner zuckt nur mit den Schultern: "Mein Sohn ist super, da gibt es gar nichts." Und Sohn Wilhelm, der ab 1. Jänner 2012 monatlich zwischen 60 und 70 Euro für die Pflegebetreuung seiner Mutter zahlen muss, sagt: "Das ist ja logisch." Seine Frau Gertrud ergänzt: "Das muss es uns wert sein. Wir müssen froh sein, dass es so eine Einrichtung überhaupt gibt." Auch von anderen Angehörigen im Heim sei ein Aufschrei ausgeblieben, schildert die Familie Kroißenbrunner.
Die bundesweite Interessengemeinschaft pflegender Angehöriger sieht den Regress da schon deutlich kritischer. "Oft ist die Aufnahme in ein Pflegeheim die einzige Möglichkeit, gute Versorgung sicherzustellen und eine Überbelastung der Angehörigen zu vermeiden", sagt Birgit Meinhard-Schiebel, Präsidentin der IG. Der Regress stelle eine Hürde dar, Menschen in einem Pflegeheim unterzubringen.
"Solidarische Lösung"
Herr Ferner, warum sind Sie als Geschäftsführer der Volkshilfe so strikt gegen den Pflegeregress?
FRANZ FERNER: Die Abschaffung desselben wurde vor zwei Jahren als sozialpolitischer Meilenstein gefeiert - zu Recht. Und jetzt spricht man plötzlich vom Generationenvertrag. Der Regress hat damit aber nichts zu tun, das ist schlicht ein Finanzierungsbeitrag der Mittelschicht zum Landesbudget.
Was wäre die Alternative?
FERNER: Es braucht da endlich eine bundesweit einheitliche Lösung. Da bin ich auch optimistisch, dass wir das in sechs, sieben Jahren haben.
Und es braucht eine solidarische Finanzierung. Ob über Pflegefonds oder Versicherung, muss die Politik entscheiden.
INTERVIEW: GERALD WINTER
Caritas-Präsident Franz Küberl spricht überhaupt von einer "Pechsteuer": Pflegebedürftigkeit sei wie eine Krankheit ein Lebensrisiko, allerdings nicht über ein solidarisches Versicherungssystem abgesichert.
In die falsche Richtung
Ins selbe Horn stößt Hilfswerk-Präsident Otmar Karas. Die Wiedereinführung der Regress-Pflicht "ist ein Schritt in die falsche Richtung". Es brauche "einheitliche Regeln in ganz Österreich und keine regionale Extrawürste".
Auch die Volkshilfe, in deren Heim Hilda Kroißenbrunner untergebracht ist, kritisiert den Regress massiv. "Das hat nichts mit einem Generationenvertrag zu tun, sondern ist schlicht ein Finanzierungsbeitrag der Mittelschicht zum Landesbudget", sagt Franz Ferner, Geschäftsführer der Volkshilfe Steiermark. Er ist aber Optimist, dass in sechs, sieben Jahren eine bundesweit einheitliche Lösung gefunden wird, "und zwar solidarisch finanziert", so Ferner.
Familie Kroißenbrunner sieht die Sache nicht so streng. "Dass der Regress überhaupt abgeschafft worden ist, war ein Topfen", meint Gertrud Kroißenbrunner. "Da ist ja klar, dass jetzt alle aufschreien."
Bettenmachen im Heim
Und Hilda Kroißenbrunner nimmt es überhaupt mit Humor: "Wenn es sich nicht ausgeht, geh' ich halt noch arbeiten", lacht die 101-Jährige. Bettenmachen im Heim, das ginge allemal.
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FAKTEN
Am 1. August hat die Landesregierung die Wiedereinführung des Pflege-Regresses beschlossen. (Ehe-)Partner sowie Kinder und Eltern von Pflegepatienten müssen nun wieder für die Betreuung in Pflegeheimen zahlen.
Der Regress ist sozial gestaffelt. Wer weniger als 1500 Euro netto - inklusive Urlaubs- und Weihnachtsgeld - verdient, zahlt nichts. Darüber sind zwischen vier und zehn Prozent fällig (bei Kindern) beziehungsweise zwischen neun und 15 Prozent (bei Eltern) - je höher das Einkommen, desto höher die Prozentzahl.
Bei Pflegepatienten, die bereits jetzt in Heimen liegen, tritt die Regresspflicht mit 1. Jänner 2012 in Kraft. Wer jetzt neu in ein Heim kommt, zahlt sofort.







