Diät-Camp Leibnitz: Außenseiter werden Seelenverwandte
Das Diät-Camp in Leibnitz: Ein Ort zum Abnehmen, aber auch ein Ort des Austauschs. Hier lernen Kinder, sich gesünder zu ernähren und Spaß an Bewegung zu haben. Doch vor allem stärken sie ihr Selbstbewusstsein.

Foto © GERNOT EDER Diätologin Maria Tüchler gibt den Kindern wertvolle Tipps für gesunde Ernährung
Es tut mir gut, hier zu sein, weil viele andere Leute da sind, mit denen ich reden kann und die mich verstehen", erzählt der zehnjährige Florian. Er leidet an Übergewicht. Im Alltag hat er es nicht immer leicht und wird oft von Kindern aus der Nebenklasse gehänselt. "Wenn andere frech sind und ,dicke Nudl' zu mir sagen, ignorier ich das einfach." Doch brennen sich solche Ausdrücke tief in Kinderseelen ein und verletzen sie, woraufhin sie sich immer mehr zurückziehen.
Hier ist das nicht der Fall. Wir befinden uns im Gästehaus von "Junge Urlaubsidee für alle" (Jufa) in Leibnitz, wo zurzeit rund 30 Kinder zwischen acht und fünfzehn Jahren zwei- bis dreiwöchige Gesundheitsferien machen. Die überflüssigen Kilos spielen allerdings nur eine Nebenrolle. In erster Linie geht es darum, die Kinder für gesunde Ernährung zu motivieren und ihr Selbstbewusstsein zu stärken.
Die Gründe für das Übergewicht sind unterschiedlich. "Im Leben eines Kindes gibt es verschiedene kritische Phasen wie etwa Schulanfang, Pubertät, Scheidung der Eltern oder auch der Tod eines Nahestehenden. Oft spielt auch die falsche Vorbildfunktion der Eltern mit", sagt Martina Frei, die für die pädagogische Betreuung zuständig ist.
Alle Kinder miteinbeziehen
"Gut wäre es auch, wenn Lehrer vermehrt Sportarten aussuchen, bei denen übergewichtige Kinder punkten können, wie etwa beim Seilziehen", erklärt Diätologin Maria Tüchler. Denn damit würden sie bewusst gefördert, von Kollegen anerkannt und nicht aufgezogen werden. Wenn mollige Kinder gehänselt werden, schämen sie sich, sprechen zu Hause meist nicht über ihre Sorgen und wenden sich häufig ab. "Im Camp sind sie keine Außenseiter mehr, sie werden gleich wie alle anderen behandelt und befinden sich unter Gleichgesinnten. Die Kinder sind sehr offen und leben richtig auf", so Frei.
Von Schüchternheit ist hier wirklich wenig zu spüren. Immer wieder versammeln sich die neugierigen Kleinen rund um den Interview-Tisch und wollen wissen, was hier geredet wird.
Seit 1995 lernen Kinder in den Jufa-Diät-Camps, dass sie alles essen können, wenn es in Maßen geschieht. Von hinten fragt eine Stimme: "Darf ich noch was von den Nudeln nehmen?" "Ja, nimmst dir halt noch ein bisschen", antwortet Tüchler. Und das ist auch ihr Motto: "Es geht nicht darum, den Kindern alles zu verbieten oder sie total einzuschränken. Sie sollen lernen, sich das Essen richtig einzuteilen."
Nur auf Süßigkeiten und Limonaden müssen sie im Camp verzichten. Um es ihnen zu erleichtern, wird einmal ein Safttag eingelegt und in der Gruppe Eis gegessen. "Damit das auch zu Hause funktioniert, ist es am besten, die Kinder befüllen eine Schüssel mit Lieblingssüßigkeiten, die sie auf die ganze Woche verteilen. Dann können sie bewusst genießen", rät Tüchler. Nach dem Mittagessen gibt es eine kurze Siesta und am frühen Nachmittag eine Indoor-Sporteinheit. Aufgeregt laufen die Sportbegeisterten auch schon in den Turnsaal, um eines ihrer Lieblingsspiele zu spielen: Völkerball. "Wir machen nur, was die Kinder auch wollen", erklärt Sportbetreuer Rainer Csar. Das motiviert die Kinder und sie fragen von selbst nach, ob sie noch weiterschwimmen können, während sich die anderen umziehen.
Eine von den ganz Motivierten ist Amina. "Ich bin zum ersten Mal da und mir gefällt's total gut. Weil ich so viele Sportarten ausprobieren kann und erstaunliche Dinge über Ernährung erfahre, zum Beispiel dass Cola light besser ist als Orangensaft", erzählt uns die Zehnjährige.
Florian und Amina haben das Ziel, sich gesünder zu ernähren und mehr Bewegung zu machen. Die Rückkehr ins normale Leben wird dennoch für viele eine Bewährungsprobe. Doch Angst haben die Kinder davor nicht, denn im Camp haben sie mit oder gerade wegen ihrer neuen Freunde gelernt, an sich selbst zu glauben.







