Alpenverein droht mit Urlaubsboykott
Tourismus und E-Wirtschaft stoßen in immer sensiblere Berggebiete vor. Jetzt droht der Alpenverein, vom Urlaub in bestimmten Regionen abzuraten.

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"Die Alpen sind im Würgegriff." Mit diesem drastischen Befund startet der Österreichische Alpenverein (ÖAV) am Samstag in seine Jahreshauptversammlung in Leibnitz. 600 Delegierten aus ganz Österreich werden dort nicht nur Bilanz über das vergangene Jahr ziehen - sie werden auch darüber beraten, wie man sich ab sofort gegen die "maßlosen Erschließungspläne im Alpenraum" wehren will. Alpenvereinspräsident Christian Wadsack denkt sogar über einen Boykottaufruf für bestimmte Tourismusgebiete nach. Angesichts der bundesweit knapp 380.000 Alpenvereinsmitglieder eine Drohung mit Gewicht.
Ärger der Alpenschützer
Der Ärger der Alpenschützer entzündet sich an den vielen Tourismus- und Energieprojekten, die vor Schutzgebieten nicht mehr Halt mehr machen würden, wie Wadsack sagt. "Die derzeitige Welle der Erschließungen ist in den vergangenen Jahrzehnten ohne Vergleich. Unsere Berge werden immer mehr für Events inszeniert." So drohe dem Warscheneck, einem Karstgebirgsstock im oberösterreichisch-steirischen Toten Gebirge, ein Ausbau als Schigebiet, obwohl das Areal erst 2008 zum Naturschutzgebiet erklärt worden sei. In Salzburg wird an einer Stollenbahn von Sportgastein durch die Kernzone des Nationalparks Hohe Tauern geplant, in den Tiroler Stubaier Alpen an einer Seilbahn samt Pistenausbau durch das Ruhegebiet der Kalkkögel.
Wilder Streit an "Wilden Wassern"
Es erzeugte landesweites Aufsehen, als im Frühjahr 2008 drei Rohrmooser Bauern einen neuen Wanderweg entlang der "Wilden Wasser" des Untertalbachs kurzerhand absperrten. Die Landwirte hatten damit gegen die Entscheidung des Landes protestiert, die Gewässerstrecke zum Naturdenkmal zu erklären, womit ihr gemeinsames Wasserkraftprojekt im letzten Moment gekippt worden war. Zwei Jahre später hob die Naturschutzabteilung des Landes ihren eigenen Beschluss teilweise wieder auf. Damit ist der Bau des umstrittenen Kraftwerks plötzlich wieder möglich. Für den Alpenverein ein Paradebeispiel dafür, wie "gesetzliche Beschränkungen zugunsten der E-Wirtschaft ausgehöhlt" würden.
In kürzester Zeit lasse der Konkurrenzdruck im Tourismus neue Schneedörfer und Lifte entstehen, sagt Peter Haßlacher, Raumordnungsexperte beim ÖAV. "Rechte und Gesetze werden systematisch ausgehöhlt." Alpenvereinspräsident Wadsack ortet Anlassgesetzgebung in Österreich, wie man sie am Beispiel der steirischen Untertalbachklamm beobachten könne. In den vergangenen vier Jahren seien in der Steiermark von 55 Wasserkraftprojekten 54 bewilligt worden. Einzige Ausnahme war die Anlage an der Koppentraun, die das Land den Betreibern bekanntlich im letzten Moment gegen 443.000 Euro abgelöst hatte.
Schischaukel über das Karstgebiet
Es war im Jahr 2008, als die oberösterreichische Landesregierung einen 2900 Hektar großen Teil der Kalk- und Karstlandschaft Warscheneck im Toten Gebirge zum Naturschutzgebiet erklärte. Jetzt soll das Gebiet an der steirischen Grenze für den Tourismus erschlossen werden. Geplant ist, die bestehenden Schigebiete Höss/Hinterstoder und Wurzeralm/Spital über eine Schischaukel zu verbinden - laut Alpenverein mit Investitionskosten von 75 Millionen Euro. Das Rückzugsgebiet für bedrohte Arten wie Steinadler oder Alpenschneehuhn wäre entwertet. "Die politischen Mehrheitsverhältnisse in Oberösterreich könnten es zulassen, dass das Schutzgebiet wieder aufgelöst wird", befürchtet man beim Alpenverein.
Der Alpenverein fordert von der Politik, nicht mehr in bestehende Schutzgebiete einzugreifen und schlägt für jede dieser Regionen hauptamtliche Betreuer vor. "Sonst werden wir unseren Mitgliedern nahelegen, wo sie Urlaub machen sollen und wo besser nicht", sagt Wadsack.









