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Zuletzt aktualisiert: 27.09.2010 um 21:39 UhrKommentare

"In Amerika wäre ich ein Linker"

Der neue steirische FPÖ-Landesrat Gerhard Kurzmann bleibt Mitglied der Kameradschaft IV, bekennt sich zur deutschen "Kulturgemeinschaft" und sagt: Südtirol ist nicht Italien.

Gerhard Kurzmann: Kameradschaft "aus Protest"

Foto © APAGerhard Kurzmann: Kameradschaft "aus Protest"

Die SPÖ hat Angst, sich mit Ihnen zu verbünden. Verstehen Sie das?

GERHARD KURZMANN: Nein. Vor mir braucht sich niemand zu fürchten. Die Wähler der SPÖ haben auch keine Angst vor uns. Sonst wären sie nicht in Scharen zu uns gewechselt. Darunter befinden sich viele Arbeiter; viele, die in der Krise den Job verloren haben und das politische System ablehnen. Im übrigen auch viele Junge, die über das Internet zu uns gestoßen sind. Bei den sozialdemokratischen Gewerkschaftern gibt es überhaupt keine Berührungsängste.

Wollen Sie in der Landesregierung für wechselnde Mehrheiten sorgen oder bevorzugen Sie ein fixes Arbeitsbündnis mit der SPÖ?

KURZMANN: Wir sind für beide Optionen offen. Es geht mir nicht um Macht, Posten und Pöstchen für Parteigünstlinge. Es geht jetzt um das Land, das budgetär in einer prekären Lage ist. Wenn alle ihren Auftrag ernst nehmen, wäre ein Arbeitsbündnis aller drei Regierungsparteien das Beste für die Steiermark.

Ist die FPÖ denn in der Lage, der Verantwortung, die Sie einmahnen, gerecht zu werden? Die Staatsanwaltschaft hat wegen des umstrittenen Anti-Minarett-Spiels die Aufhebung der Immunität gegen Sie beantragt. Was machen Sie als Regierungsmitglied im Fall einer Verurteilung?

KURZMANN: Eine Verurteilung kann ich mir nicht vorstellen. Es wird sich herausstellen, dass dieses Online-Spiel völlig harmlos und gewaltfrei ist.

Keine Scham, kein Eingestehen, dass man so mit der Religion anderer nicht umgehen kann?

KURZMANN: In diesem Spiel gibt es kein Schießen. Ich bin ja kein Computerspieler, ich hab sehr schlecht abgeschnitten bei unserem Spiel. Ich stamme nicht aus dieser Generation, die sich mit digitalen Moorhühnern beschäftigt hat. Bei uns sind das ganz normale Stopptafeln, die hochgefahren werden. Mir haben Freunde, nachdem das Spiel online gestellt wurde, ganz andere Sachen zugeschickt, die ich zur Staatsanwaltschaft mitnehmen werde. Da wird wirklich geschossen. Von Verhetzung war bei uns keine Spur. Es ging um die Gefahr der Islamisierung, um die Einschränkung von Freiheiten. Ich bin bei diesem Thema nicht allzu weit von Alice Schwarzer entfernt.

Haben Sie das Gefühl, dass die Steiermark islamisiert wird?

KURZMANN: Es gibt innerhalb des Islams Strömungen, deren Machtanspruch über die Religion hinausreicht. Dagegen muss sich eine europäische Kultur zur Wehr setzen. Es ist nicht hinzunehmen, dass aus den Klassenzimmern das Kreuz verschwinden muss.

Wer fordert so etwas?

KURZMANN: Sie kennen das italienische Urteil.

Aber dort ging die Anzeige von einer atheistischen Mutter aus.

KURZMANN: Eine solche Judikatur kann jederzeit auch bei uns passieren.

Werden Sie ein Minarettverbot als Bedingung in die Verhandlungen mit der SPÖ einbringen?

KURZMANN: Ich will keine Zustände wie in Köln.

Graz ist nicht Köln. Es gibt kein Minarett, es ist auch keines geplant.

KURZMANN: Warten wir ab, was kommt. Eine Bedingung oder ein Ultimatum wird es aber dazu nicht geben. Wir werden keine Barrieren aufbauen, die Gespräche von vornherein unmöglich machen. Ich will die Schnittmengen ausloten und nicht die Gegensätze. Ich nehme keine großen ideologischen Differenzen zu Hermann Schützenhöfer und Franz Voves wahr. Im Mittelpunkt stehen das Budget und die Jobs. Am 1. Mai fallen die Grenzen der Arbeitsmärkte, da hat man von Voves nichts gehört. Da sitzen wir mit der roten Gewerkschaft in einem Boot. In der Sozialpolitik würden wir in Amerika eindeutig als Linker gehandelt.

Sie sind noch immer Mitglied der Kameradschaft IV, einer Organisation ehemaliger SS-Verbände. Werden Sie die Mitgliedschaft als Landesrat ruhend stellen?

KURZMANN: Nein. Was bleibt von einem Politiker übrig, wenn er seine Gesinnung opfert und überall austritt, wo er anecken könnte? Das ist keine illegale Organisation, sondern ein zugelassener Verein. Er akzeptiert alles, was Österreichs Rechtsordnung betrifft.

Sie sind Jahrgang 1953. Was tun Sie bei SS-Nostalgikern?

KURZMANN: Mein Vater, der noch lebt, war Wehrmachtsangehöriger. Er ist 91. Er war nicht bei der SS, sondern bei der Luftwaffe. Ich will nicht hinnehmen, dass alle Angehörigen der Wehrmacht als Verbrecher hingestellt werden.

Wer tut das?

KURZMANN: Alle. Nicht Sie persönlich. Aber etwa der "Falter".

Der "Falter" ist schuld, dass Sie der Kameradschaft IV beitraten?

KURZMANN: Nein, ich bin schon 30 Jahre dabei. Als Protest gegen die Kollektivschuld-These.

Wenn man sagt, Sie sind ein Deutschnationaler, würden Sie das dann zurückweisen?

KURZMANN: Ich bekenne mich zur deutschen Kulturgemeinschaft. Ich bin Germanist. Für mich gehört auch die Schweizer Literatur dazu, Conrad Ferdinand Meyer und so. Das Bekenntnis schließt aber auch ein, dass man Kärntner Slowenen Slowenen sein lässt und nicht zwanghaft eindeutscht. Ich gehöre auch zu denen, die wie mein alter Geschichtelehrer sagen: Freunde, Südtirol ist nicht Italien. Ich bin überzeugt, dass das die richtige Sicht der Dinge ist.

Wo liegt Südtirol dann?

KURZMANN: Meinen Sie diese Frage ernst?

INTERVIEW: HUBERT PATTERER, ERNST SITTINGER

Fakten

Kurzmann wird nachgesagt, ein ideologisch stramm rechter, aber unauffälliger Politiker zu sein. Im Intensivwahlkampf hatte er fast ausschließlich auf die Anti-Islam-Karte gesetzt.

Sein Ziel, den Wiedereinzug der Blauen in Landtag und Landesregierung, hat er erreicht - allerdings zum Preis eines möglichen Gerichtsverfahrens wegen Verhetzung und Herabwürdigung religiöser Lehren: Dem Auslieferungsbegehren der Staatsanwaltschaft Graz war das Parlament einige Tage vor der Wahl nachgekommen.

Foto

Foto © Reuters

Lachender Dritter: Kurzmann bei der Stimmabgabe am SonntagFoto © Reuters

Zur Person

Kurzmann, Historiker und Magistratsbeamter, wurde am 30. Oktober 1953 in Graz geboren. Er startete seine Politikerkarriere mit 40 Jahren als Grazer Gemeinderat, war 1998-2002 und ist seit Herbst 2006 wieder im Nationalrat.

2003 übernahm er die Grazer Partei, nach der Wahlschlappe im Land 2005 die davon und durch die BZÖ-Abspaltung zerrüttete Landespartei.

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