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Zuletzt aktualisiert: 12.09.2010 um 05:29 UhrKommentare

"Das wird ein endloser, blutiger Streit"

Gesundheitsökonom und Provokateur Ernest Pichlbauer über den Kampf um Patienten, den Realitätsverlust steirischer Politiker und Strafsteuern auf Übergewicht.

Gesundheitsökonom und Provokateur Ernest Pichlbauer

Foto © PrivatGesundheitsökonom und Provokateur Ernest Pichlbauer

Wovor sollte sich ein Steirer in den nächsten Jahren mehr fürchten: dass er krank wird oder dass er in einem pleitegegangenen Spitalssystem und von Ärzten, die ums Geld streiten, behandelt wird?

ERNEST PICHLBAUER: Spitalseitig ist es wahrscheinlich gscheiter, dem Facharzt oder Allgemeinmediziner Geld in die Hand zu drücken und zu sagen: Bitte geben's mich so spät wie möglich in ein ganz kleines Spital.

Besteht keine Hoffnung für den Patienten Gesundheitswesen?

PICHLBAUER: Ich hoffe, dass die Geldknappheit dazu führt, dass man Gelder vernünftiger einsetzt. Ich sperre nicht benötigte Spitäler zu und setze das Geld für Krankentransporte und mobile Pflege ein. So erreiche ich mit dem gleichen Geld mehr.

Und so wird alles gut?

PICHLBAUER: Ich bin eher Realist. Alle werden zuerst um die Pfründe kämpfen. Das wird ein endloser Streit, blutig und unangenehm geführt. Der Landespolitiker wird in der Region sagen: "Ich habe euch euer Spital gerettet." Dann dreht er sich um und sagt zum Spitalspersonal: "Wenn ihr einen einzigen Blinddarm operiert und Kosten verursacht, gibt es Probleme." Auf Schwestern und Ärzte wird der Rationierungsdruck abgewälzt, die Patienten werden aber im Glauben gelassen, dass alles möglich sei. Das kann nicht gut gehen.

Gibt es schon Rationierungen medizinischer Leistungen?

PICHLBAUER: Regelmäßig sagen mir Ärzte, dass sie für bestimmte Therapien das Budget nicht mehr haben. Man lässt den Arzt alleine.

Und der steirische Patient? Wen hat der?

PICHLBAUER: Wenn die Politik keine Richtlinien vorzeigt - welche Behandlung macht wo Sinn etc. - dann werden die Einsparungen beim Patienten landen. Ohne dass er informiert wird. Er hat meistens keine Vergleichsmöglichkeiten, also wird's nicht so schnell auffallen.

Die steirische Krankenanstaltengesellschaft (Kages) kann laufende Kosten nur durch ihre Immobilientochter abdecken, für die Kages-Anleihe sind nächstes Jahr 50 Millionen Euro fällig, LH Voves spricht von 100 bis 150 Millionen Einsparungen. ÖVP und SPÖ beharren trotzdem darauf, dass bei den Spitälern alles beim Alten bleibt. Leiden Politiker unter Realitätsverlust?

PICHLBAUER: Ja! Es gibt in diesem Bereich einen breiten Realitätsverlust, genauso bei den Kammerpolitikern. Bringen wir es zynisch auf den Punkt: Wenn ich heute für ein paar Hundert Wählerstimmen in einem kleinen, nicht ausgelasteten Spital Patienten unnötig sterben lasse, dann ist es wohl für die Politik gerechtfertigt. Der, der tot ist, kann außerdem nicht mehr wählen. Das ist pervers, das akzeptiere ich nicht.

Sind Sie nicht zu pessimistisch in Ihrer Einschätzung?

PICHLBAUER: Wir sind auf dem Weg dorthin. Die ÖVP hat sich mit den Kommunisten und einem Grünen-Abgeordneten für den Ausbau des Spitals Bad Aussee eingesetzt - diese Kombination erkläre mir einmal einer. Da merkt man, es geht nicht mehr um Ideologie, sondern um puren Populismus.

Was sind die Bestandsgarantien für die Spitäler wert?

PICHLBAUER: Man hört österreichweit Gerüchte, dass Spitäler zwar bestehen bleiben, aber umgewandelt werden, zum Beispiel in Geriatriezentren. Juristisch wird das aber alles andere als einfach.

Aber die steirische Spitalsversorgung sei sicher, heißt es.

PICHLBAUER: Naja. Die Steiermark hat schon zuvor keine Bank gefunden, die trotz Landeshaftung einen Kredit gibt. Deshalb wurde die Kages-Anleihe aufgelegt. Wenn die Anleihe nicht bedient werden kann, weil es Kages und Land finanziell nicht schaffen und auch der Finanzminister nicht, dann erfüllen wir Budgetvorgaben und Maastrichtkriterien nicht. Die EU kürzt Subventionen, internationale Agenturen stufen unsere Kreditwürdigkeit herab. Zinsleistungen werden atemberaubend hinaufschnellen und dann müssen auch Politiker erkennen, dass Geld nicht auf Bäumen wächst. Der Steirer weiß spätestens dann, dass er nicht alleine auf der Welt ist.

Was würden Sie einem Patienten raten, der in einer kleinen obersteirischen Gemeinde an Krebs erkrankt? Er möchte zu Hause behandelt werden. Sein Spital vor seiner Haustür sperrt aber zu.

PICHLBAUER: Zuerst sollte er in ein Krebszentrum nach Graz. Die Medikamente können später vom Hausarzt verabreicht werden - wenn der sich auskennt. Eine Nachbehandlung in Graz hätte vor allem finanzierungstechnische Hintergründe: Die Kämpfe zwischen Spitalsärzten und niedergelassenen Ärzten vor Ort sind so eskaliert, dass jeder versucht, Patienten an sich zu ziehen. Das ist ihr Geschäft. Und die Krankenkasse spielt mit. Ehrlich: Wenn die Kammer, die Krankenkasse und die Ärzte eine dezentrale Versorgung wollen, dann könnten sie es umsetzen.

Ist eine Lösung im Kampf zwischen Spitalsärzten und niedergelassenen Ärzten in Sicht?

PICHLBAUER: Das Band hat es nicht nur in der Steiermark zerrissen, beide finden nicht mehr zusammen. Auch der Patient sieht das. Es gibt weder eine Leistungsabstimmung noch einen gemeinsamen Leistungskatalog oder Arbeitszeiten, die aufeinander abgestimmt wären.

Kann der Patient sich wehren?

PICHLBAUER: Solange die Bevölkerung glaubt, es ist eh alles gut, wird sich nichts ändern. Der Patient muss sich dafür einsetzen, dass es eine vernünftige ambulante Versorgung gibt und auch dafür, dass die Hürden zwischen Spital und niedergelassenen Ärzten kleiner werden. Aber ich muss den von Ihnen angeführten Patienten in der kleinen obersteirischen Gemeinde auch in Schutz nehmen: Solange keine Alternativen aufgezeigt werden, kann man Patienten nicht zutrauen, dass sie selbst entscheiden.

Bei der Vorsorge könnten wir selbst entscheiden, nehmen aber die Angebote viel zu selten in Anspruch. Brauchen wir Strafsteuern für jene, die ungesund leben?

PICHLBAUER: Die Vorsorgemedizin wird mit Sanktionsdrohungen eingeführt werden müssen.

Was erwartet uns?

PICHLBAUER: Eine plumpe Dickensteuer, die nur mit Strafen arbeitet, wäre ein Wahnsinn. Der Arzt wird mit dem Patienten gemeinsame Ziele finden müssen und ihn überzeugen. Zum Beispiel: Sie müssen fünf Kilogramm abnehmen, weil Ihr Risikoprofil zeigt, dass die Wahrscheinlichkeit für Diabetes und andere Erkrankungen extrem steigt. Wenn Sie die fünf Kilogramm innerhalb eines Jahres nicht abnehmen, steigen die Sozialversicherungsbeiträge. Aber das wird noch lange dauern, weil wir es nicht einmal wagen, das offen zu diskutieren.

Sollten wir für die Gesundheit überhaupt mehr zahlen?

PICHLBAUER: Ich halte höhere Beiträge für unmoralisch, solange es zehn bis 20 Prozent Effizienzreserven - besser bekannt als Verschwendung - gibt. Mehr Geld hieße nur, Wasser in ein Fass gießen, von dem man nicht weiß, ob es einen Boden hat.

INTERVIEW: DIDI HUBMANN


Zur Person

Ernest Pichlbauer arbeitete, bevor er sich der Gesundheitsökonomie und der Gesundheits-versorgungsforschung zuwandte, als Universitätsassistent an der Pathologie des Wiener AKH. Während seiner Zeit am Österreichischen Bundesinstitut für Gesundheitswesen (ÖBIG) war er maßgeblich an den Arbeiten zum Österreichischen Strukturplan Gesundheit (ÖSG) beteiligt.

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