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    Zuletzt aktualisiert: 05.09.2010 um 05:00 UhrKommentare

    Der Wahlkampf als Festival der Phraseologie

    Veronica Kaup-Hasler, Intendantin des steirischen herbsts, über Bierzelt-Politik, zerstörerische Trickser, Japaner beim Schilchersturm und den längst nötigen Griff zur Schaufel.

    Die Kulturmanagerin Veronica Kaup-Hasler im Interview

    Foto © Maria KanizajDie Kulturmanagerin Veronica Kaup-Hasler im Interview

    Wenn Sie den Lautstärkeregler ganz aufdrehen und auch ein Hörrohr ansetzen: Haben Sie schon ein Wort zum Thema "Kultur" im steirischen Wahlkampf gehört?

    VERONICA KAUP-HASLER: Kein einziges. Dabei definieren sich die Steiermark und Österreich sehr wohl und sehr stolz über Kunst und Kultur, nur in Wahlzeiten spielt das plötzlich keine Rolle mehr. Wir erleben derzeit bloß ein Festival der Phraseologie.

    Laut einer Studie ist in Deutschland die Kultur- und Kreativwirtschaft mit einer Million Beschäftigten nach dem Maschinenbau und der Autoindustrie die drittgrößte Branche. Grob umgerechnet auf die Steiermark wären das 10.000 Kreative. Warum interessiert die hiesige Politik diese Klientel nicht?

    KAUP-HASLER: Weil sie den Fehler macht, nicht auf Realitäten zu schauen. Da geht es ja nicht nur um die Zahl, sondern auch um die meinungsbildende Kraft dieser Kreativberufe, die zu einer ethischen Wertschöpfung beitragen. Politik unterschätzt das Volk sträflich, darum frönen sogar Parteien mit intellektuellerem, aufgeklärterem Hintergrund dem Populismus.

    Haben Sie sonst Inhalte im Wahlkampf vernommen?

    KAUP-HASLER: Kaum. Es geht ja hauptsächlich um Führungspersönlichkeit, Vertrauensbildung, Image, Emotion. Durch die pure Fixierung auf Personen werden Visionen und Argumentationen völlig verdrängt. Es gibt keine Inhalte, außer halt das, was vermeintlich steirisch ist. Nur der rechte Rand äußert sich dezidiert, mit dem Schüren der Islamophobie . . .

    . . . also dass man die Ausländerproblematik löst, indem man einfach im Internet auf Männchen mit Turban und auf Minarette pfeffert - und futsch sind sie! Wohin führt diese "Kultur"?

    KAUP-HASLER: Es sollte eine Ethikkommission geben, die solche Auswüchse verbietet und abstraft. Die Emotionalisierung bleibt aber in den Köpfen und verhindert jeden Diskurs für brennende Fragen. Da regiert die Angst. Souverän wäre es, stark sachlich und inhaltlich zu argumentieren und nicht mit Kniffen und Tricks zu arbeiten, die auch noch von der Medienwelt multipliziert werden.

    Womit wir beim Motto Ihres heurigen steirischen herbsts sind: "Meister, Trickster, Bricoleure" lautet das Motto mit dem Untertitel "Virtuosität als Strategie für Kunst und Überleben". Kann sich die Kultur da nicht was von den Politikern abschauen? Bei denen geht es ja auch ums Überleben.

    KAUP-HASLER: Wie wir gerade merken, haben einige Politiker ein virtuoses, nahezu bewundernswertes Talent darin entwickelt, sich den Fängen der Justiz zu entwinden. Finanzjongleuren, denen wir die Blase zu verdanken haben, können wir absolute Meisterschaft im Tarnen und Täuschen nicht absprechen. Das ist faszinierend und erschreckend zugleich. Dazu kam die Mär von der Selbstreinigungskraft des Kapitalismus.

    Spüren Sie diese Tricksereien auch in der Steiermark?

    KAUP-HASLER: Natürlich, man ist immer wieder erstaunt, welche Volten da zu sehen sind, welche zerstörerischen und selbstzerstörerischen Kräfte. Im Kulturbereich versuchen wir, uns und unsere Projekte bestmöglich davor zu schützen. Wenn durch diese Entwicklungen manche Arbeit oft mit einem Schlag vernichtet wird, dann können einem die engagierten Kulturschaffenden, vor allem an der Basis, sehr leidtun.

    KPÖ-Wohnbaustadtrat Ernest Kaltenegger kam bei der Grazer Gemeinderatswahl 2003 auf rund 20 Prozent, sogar in noblen Vierteln wie Geidorf: Kaum anzunehmen, dass dort alle plötzlich aus voller Brust die Internationale sangen. Die Punkte machte nicht die Ideologie, sondern Kaltenegger als integre Person. Wo ist heute die von der Politik immer so propagierte Glaubwürdigkeit?

    KAUP-HASLER: Einzelne Persönlichkeiten sind glaubwürdig. Aber wenn man im System ständigen Taktierens aufwächst und das als Qualität, als eigentliches Handwerk lernt, geht die professionelle Arbeit an der Sache verloren, da werden selbst gute Anliegen kontaminiert.

    Nämlich zum Zwecke des Machterhalts oder -wiedergewinns, wie auch die Wahlplakate zeigen, auf denen Partei mit Volk oder mit Land verwechselt wird.

    KAUP-HASLER: Dazu kommt, dass der Kontakt zur Bevölkerung nur noch über simple Verschlagwortung gesucht wird, über Verbierzeltung, als ob das Leben nur aus Fressen, Saufen, Feiern bestünde.

    In unseren Steiermark-Gesprächen wurde häufig fehlende Internationalität des Landes und der Stadt Graz moniert.

    KAUP-HASLER: Internationalität kann nicht bloß heißen, dass der Tourismus möglichst viele Japaner auf die Weinstraße zu Kastanien und Schilchersturm lockt. Es gibt hierzulande in allen Sparten großartige, innovative Menschen, die ein internationales Denken haben, sonst könnten sie ja überhaupt nicht überleben. Ich vermisse aber ein internationales Klima im Land, das natürlich auch sehr stark von der Politik und von den Medien verhindert wird. Ich selbst fühle mich an Orten wohl, wo sich die Vielfältigkeit der Welt widerspiegelt und diese als Gewinn gesehen wird, als Erweiterung der Möglichkeiten. Je mehr man reist, desto unverständlicher und erschreckender findet man das, was einem hierzulande an Xenophobie entgegenschlägt. Diese restriktive Art des Feindesdenkens, diese Abschiebungsmentalität ist bei uns so stark in den Köpfen, dass man Erstickungsanfälle kriegt.

    Morgen wird entschieden, welche Region nach Feldbach 2008 und Liezen 2010 das Kulturfestival regionale12 ausrichtet: Was kann und soll denn in Ihren Augen ein solches Festival für das Land leisten?

    KAUP-HASLER: Die regionale10 hat es potenziell vorgezeigt, was das sein kann. Man muss, wie es auch dem Intendanten Dietmar Seiler und seinem Team oft gelungen ist, stark mit der Bevölkerung zusammenarbeiten. Nur seine Kunstideen zu implementieren, also nur Häufchen, Kunsthäufchen zu setzen, genügt nicht. Es braucht eine lange Zeit, um Vereine, Bürgermeister et cetera von seiner Sache zu überzeugen. Man muss sich mit den Spezifika der jeweiligen Region auseinandersetzen und vor allem fragen: Wofür interessiert sich die Bevölkerung eigentlich?

    Angenommen, die "steirische herbst partei" würde am 26. September bei den Wahlen antreten und die künftige Landeshauptfrau würde Veronica Kaup-Hasler heißen: Welche Probleme würden Sie als Erstes angehen?

    KAUP-HASLER: Ich würde sofort die Schaufel in die Hand nehmen und den Semmering-Tunnel buddeln.

    Eine Frau, ein Wort!

    KAUP-HASLER: Ja, und wenn ich ganz alleine Tag- und Nachtschichten einlegen müsste. Dass der Tunnel nicht schon in den 70ern angegangen wurde, war ein Kardinalfehler. Da sind wir wieder bei der Kurzsichtigkeit der Politik: Längerfristige Ideen zur Lösung von Strukturproblemen verhindert der Horizont Amtsperiode.

    INTERVIEW: MICHAEL TSCHIDA

    Zur Person

    Veronica Kaup-Hasler, geboren 1968 in Dresden, ihre Familie übersiedelte 1970 nach Wien.

    Studium: Theater- und Politikwissenschaft, Germanistik.

    Dramaturgin u. a. am Burgtheater und bei den Festwochen Wien, bei den Salzburger Festspielen und am Theater Basel.

    Leiterin des Festivals Theater-formen in Hannover.

    Intendantin des steirischen herbsts seit 2006, bis 2014.

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