"Nicht jeder ist böse, nur weil er viel Geld hat"
Industriellenchef Jochen Pildner-Steinburg über das raue politische Klima im Land, über Franz Voves, die Reichensteuer und über die "Burnout-Hysterie".

Foto © Erwin ScheriauJochen Pildner-Steinburg kritisiert die beiden steirischen Großparteien: "Seit Beginn der Periode herrscht praktisch Dauerwahlkampf"
Seit fünf Jahren gibt es eine SPÖ-Mehrheit im Land. Was hat sich dadurch geändert?
JOCHEN PILDNER-STEINBURG: Zunächst wurden einige wichtige Ämter umgefärbelt. Das war nicht anders zu erwarten. Früher hat es die ÖVP genauso gemacht. Zweitens herrscht ein unguter Stil in der Politik, den ich früher so nicht gekannt habe. Das liegt nicht nur an der SPÖ. Seit Beginn der Periode herrscht praktisch Dauerwahlkampf.
Soll Franz Voves als Landeshauptmann weitermachen?
PILDNER-STEINBURG: Dazu gebe ich keinen Kommentar ab. Weder ich noch die Industriellenvereinigung geben politische Empfehlungen. Wir brauchen Kontinuität im Lande, aber das ist nicht personenbezogen zu verstehen.
Inhaltlich ist unter Voves alles unverändert geblieben?
PILDNER-STEINBURG: Man kann das nicht vergleichen, denn die Zeiten ändern sich. In Phasen der Hochkonjunktur kann man leicht Geschenke machen und alle Wünsche erfüllen. Wir sind aber bekanntlich in eine Krise geschlittert, die ganz andere politische Herausforderungen gebracht hat. Da wurde nicht immer richtig reagiert.
Von der Statistik her steht das Land aber trotz Krise gar nicht so schlecht da.
PILDNER-STEINBURG: Da muss ich widersprechen. Derzeit erzeugen wir Euphorie und Überoptimismus, obwohl gerade die Steiermark als Industrieland von der Krise sehr stark betroffen war. Wir hatten eine hohe Arbeitslosigkeit, die nur durch die große Zahl an Kurzarbeitern überdeckt wurde. Da hat die Unternehmerschaft gezeigt, was sie kann.
Vor allem der Steuerzahler hat da gezeigt, was er kann.
PILDNER-STEINBURG: Nein, nein, die Kurzarbeit ist in erster Linie auf dem Rücken der Unternehmen ausgetragen worden. Wegen der langen Dauer der Kurzarbeit gehen jetzt langsam die Finanzen zu Ende. Die Firmenbilanzen sind mäßig, also geben die Banken keine Kredite. Man kann nicht sagen, dass die Krise schon vorbei und bewältigt wäre. Es muss noch vieles aufgeräumt und umstrukturiert werden.
Merken Sie bei den Mitarbeitern kulturelle Veränderungen als Folge der Krise?
PILDNER-STEINBURG: Ein Großteil der Mitarbeiter hat keine großen Gehaltsausfälle gespürt. Aber sie merken, dass die Firmen bei verschiedenen Sozialleistungen sparen. Das Bewusstsein ist gestiegen, dass es nicht immer nur bergauf gehen kann.
Burnout ist die neue Volkskrankheit geworden. Fühlt sich die Industrie da verantwortlich? Werden die Menschen am Arbeitsplatz zu stark ausgepresst?
PILDNER-STEINBURG: Na ja, Burnout ist jetzt ein neues Modewort und eine Modekrankheit, die mit entsprechender Hysterie gepusht wurde. Früher hat man gesagt, dass man sich ausgelaugt fühlt. Das ist nichts Neues. Früher haben die Bergbauern eben hart auf den Feldern gearbeitet.
Die erlebte Überlastung im Job wird aber wohl nicht von A bis Z erfunden sein.
PILDNER-STEINBURG: Das hat aber mit anderen Belastungen zu tun, die den Menschen auferlegt werden oder denen sie sich selbst aussetzen. Ich verweise nur auf die Freizeitwirtschaft und die gesamte Event-Kultur, zuletzt etwa auf die tragische Loveparade in Duisburg. Das ist wirklich ein Beispiel, wie man Burnout erzeugt. Ständig machen die Leute Zwischenurlaub übers Wochenende, eilen zum Flugzeug oder stehen gestresst im Stau auf der Autobahn. Am Montag kommen sie dann komplett ausgelaugt ins Büro. In meiner Jugendzeit war das Wochenende zur Erholung da.
Eine wachsende Zahl von Menschen meint, die Politik der letzten Jahre sei viel zu industriefreundlich gewesen - Stichwort Gruppenbesteuerung für Konzerne oder Stiftungsprivilegien. Was sagen Sie dazu?
PILDNER-STEINBURG: Diese Debatte ist höchst populistisch. Ich würde jeden warnen, der Politik gegen die Industrie macht. Denn wir sind ein Technologie- und Industrieland, dessen Wohlstand in erster Linie durch eine funktionierende Wirtschaft abgesichert wird. Die jüngste Kaufkraftstudie zeigt wieder, dass die Kaufkraft speziell in den Agrargebieten ohne Industrie deutlich unter dem Durchschnitt liegt.
Politisch wird derzeit heftig über eine Reichensteuer diskutiert. Könnten Sie sich mit so einem Schritt anfreunden?
PILDNER-STEINBURG: Zuerst müssen wir klären, wer "reich" ist und was das bedeutet. In die Nähe eines Bill Gates wird man da in Österreich nicht vorstoßen. Es gibt sicher auch bei uns Reiche, aber das Vermögen ist scheu wie ein Reh und wird dorthin abwandern, wo es ihm besser geht.
Sind Sie reich?
PILDNER-STEINBURG (lacht): Ja, an Erfahrung.
Sie sind unter anderem Alleineigentümer der Firma Aurum Vermögensverwaltung, die für das Krisenjahr 2009 einen Gewinn von 1,4 Millionen Euro ausweist. Da tut es doch nicht weh, ein halbes Prozent davon abzugeben.
PILDNER-STEINBURG: Nicht jeder ist ein Böser, nur weil er viel Geld hat. Ich bin wohlhabend, aber gemessen am weltweiten Reichtum bei Gott nicht reich. Ich habe mir das hart erarbeitet, meine Unternehmen verdienen sehr gut. Und ich habe nicht gesagt, dass ich nichts davon abgeben will. Ich bin durchaus bereit, über diese Dinge zu diskutieren, und wir wollen unseren Anteil beitragen. Aber man soll zuerst bei den Ausgaben sanieren und dann erst über neue Abgaben reden. Wenn ich heute sehe, für welche sinnlosen Blödheiten mein Steuergeld mit vollen Händen hinausgeworfen wird, dann fühle ich mich verarscht.
Welche Blödheiten fallen Ihnen besonders auf?
PILDNER-STEINBURG: Wenn ich mir anschaue, was es überall für Förderungen gibt ... Im Sozialbereich beispielsweise kommt nur der geringste Teil wirklich bei den Bedürftigen an. Das meiste versandet im Verwaltungsapparat.
Und die Wirtschaftsförderungen?
PILDNER-STEINBURG: Selbstverständlich gehören die auch durchforstet. Da gibt es viele Kleinförderungen, die niemand wirklich braucht. Das allerwichtigste wäre aber eine Verwaltungsreform ...
... die unseren Lebzeiten sicher nicht kommt.
PILDNER-STEINBURG: Das akzeptiere ich ganz einfach nicht. Wenn uns dieses Land am Herzen liegt, dann müssen wir uns fragen, wie wir der Allgemeinheit mit Reformen dienen können. Nehmen wir etwa die Gemeindezusammenlegung: Wenn wir da nichts weiterbringen, dann wird sich das von alleine regeln, weil die Gemeinden finanziell an die Wand fahren.
Vielleicht geht es uns noch zu gut, um das zu erkennen.
PILDNER-STEINBURG: Das Land ist saturiert, das System ist saturiert. Saturiertheit ist nie gut. Sie macht Menschen unbeweglich.
Würden Sie annehmen, wenn man Ihnen ein Regierungsamt im Land anbietet?
PILDNER-STEINBURG: Nein, ich bin nicht geeignet. Man würde mich garantiert nach zehn Minuten hinausschmeißen, weil ich gewisse Blödheiten und Sinnlosigkeiten nicht akzeptiere.
Können Sie als Industriellenchef etwas Positives über die Grünen oder die KPÖ sagen?
PILDNER-STEINBURG: Ich habe erst kürzlich ein sehr konstruktives Gespräch mit Grünen-Chef Werner Kogler geführt. Bei der Förderung von Umwelttechnologie sind wir uns einig. Diese Partei ist aufgeschlossener als andere, wenn es um das Verlassen eingefahrener Geleise geht.
Zur KPÖ fällt Ihnen offenbar nichts Positives ein.
PILDNER-STEINBURG: Ich habe dorthin keinen Kontakt. Aber unsere Tür steht natürlich immer offen.
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Fakten
Jochen Pildner-Steinburg (62) gehört seit 1998 dem Vorstand der steirischen Industriellenvereinigung an, seit Juni 2004 ist er Präsident. Er studierte Sozial- und Wirtschaftswissenschaften. Seit 1974 führt er die Firma Grazer Armaturenwerke (GAW).






















