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Zuletzt aktualisiert: 31.07.2010 um 20:27 UhrKommentare

"Zwischen Untergang und Himmelreich"

Das Land leide, befindet der Industrielle Hannes Androsch, an einem Realitätsdefizit und an einem Mangel an Mut, Dinge anzupacken.

Hannes Androsch

Foto © Jürgen FuchsHannes Androsch

S ie werben gerade in der Ausseer-Tracht für den ORF. . .

HANNES ANDROSCH: Ja, einem Freund zuliebe . . .

Was halten Sie von den Werbeslogans der Parteien "Die Steiermark kann mehr" oder "Viel getan . . ."?

ANDROSCH: Seit geraumer Zeit beobachte ich, dass die Wahlslogans aussagelos sind. Es hat einmal geheißen: 'Österreich europareif machen'. Darunter kann man sich etwas vorstellen. Aber wer soll knackige Slogans finden, wenn man keine Inhalte hat?

Es mangelt an Botschaften?

ANDROSCH: Ja, nicht zuletzt aus mangelnder Entschlossenheit, etwas umsetzen zu müssen, weil man sich offensichtlich vor den Menschen fürchtet. Aber die sind viel einsichtsvoller. Wir sind noch nicht Griechenland, aber die Sirtaki-Klänge kann man in verschiedenen Bereichen immer deutlicher hören.

Der deutsche Bundeswirtschaftsminister meinte soeben: 'Ja, der Aufschwung ist da.' Schließen Sie sich diesem Optimismus an?

ANDROSCH: Da hätte ich Zweifel. Es gibt aber Zeichen der Erholung. Das kann ich aus meinen eigenen Firmen bestätigen. Die Politik hat uns dabei aber nicht geholfen, da gab es nur dumme Plakate einer Partei.

Nach einer Umfrage der steirischen Industriellenvereinigung unter 64 Betrieben mit 45.000 Mitarbeitern rechnen nur 15 Prozent mit einem verbesserten Geschäftsergebnis bis Jahresende. Eine Bestätigung Ihrer Vorsicht?

ANDROSCH: Man findet natürlich für jede Position Stimmen. Man kann Weltuntergang annehmen oder das Himmelreich. Die Wahrheit liegt dazwischen.

In welche Richtung geht es Ihrer Einschätzung nach eher?

ANDROSCH: Ich warne davor in eine voreilige Euphorie zu verfallen und das als Ausrede zu benützen, die schon lange schwelenden Probleme nicht anzupacken. Wir haben eine Menge Hausaufgaben wie die unbefriedigende Situation der öffentlichen Finanzen oder die Zeitbombe der demografischen Entwicklung.

Kanzler Faymann meint, die Reichen sollen jetzt zahlen. Haben Sie schon nachgerechnet, was auf Sie zukommen könnte?

ANDROSCH: Ich habe schon Verständnis für die Optik in der Politik. Sie gehört dazu. Ich wäre auch sofort für eine höhere Besteuerung der Reichen. Nur: Wir haben nicht genug, um ein fiskalisches Loch zu stopfen. Und Reiche mit Finanzvermögen können ausweichen. Das hat bereits begonnen. Diese bald eineinhalbjährige Diskussion hat einen Steuerbelastungsphantomschmerz bewirkt, ohne einen Cent eingebracht zu haben.

Ein Wifo-Experte hat vorgerechnet, dass zehn Prozent der Österreicher 61 Prozent des Immobilienvermögens und 54 Prozent des Finanzvermögens besitzen. Also doch genug Reiche?

ANDROSCH: Wenn man dem nachgeht, gibt es darüber keine Statistik. Das ist eine Behauptung, die durch nichts belegt ist. Natürlich gibt es einige, die unverhältnismäßig mehr haben als der Durchschnitt. Der Rechnungshof hat vorgerechnet, dass wir elf Milliarden Euro an Einsparungsmöglichkeiten hätten. Da werden sinnlos Gelder vergeudet. Die Hälfte dieser elf Milliarden würde das Budgetproblem lösen. Wir trauen uns aber politisch nicht, das anzugehen. Allein die Hacklerregelung, die nichts mit Hacklern zu tun hat, kostet 1,6 Milliarden Euro. Die Zersplitterung im Spitalswesen, die Überbeschäftigung in der Länderbürokratie kosten ein Vermögen. Wenn wir das nicht anpacken, gibt es kein Recht in einem Hochbesteuerungsland für neue Steuern.

Eine Studie des Wirtschaftswissenschafters Lehner ortet in der Steiermark ein Einsparpotential von 230 Millionen Euro. Sehen Sie einen Politiker, dem Sie einen politischen Kraftakt zutrauen würden, um ein solches Sparvolumen zu heben?

ANDROSCH: Ich bin kein Punkterichter beim politischen Eiskunstlauf. Die Notwendigkeit ist aber gegeben.

Worin sehen Sie die Stärken dieses Landes?

ANDROSCH: Was ist das Potential? Die Steiermark ist reich an Wald, an Wasser. Das ist heute in der Welt schon eine ganze Menge. Es ist ein traditionelles Industrieland und ein Wissenschafts- und Forschungsstandort. Nach Wien hat die Steiermark die meisten Universitäten und mit 4,4 Prozent eine höhere Forschungsquote als Wien. Da müsste man aber auch zur Umsetzung kommen, das Potential heben.

Wie könnte es gehoben werden?

ANDROSCH: Man müsste das Unternehmerische fördern. Da fehlt nicht nur die Anregung, sondern man wird behindert. Der Vorschriftendschungel allein im Umweltbereich ist blanker Wahnsinn. Warum nutzt die Steiermark nicht ihre Wasserkraft? Wie lange hat es gebraucht, um die 380 KV-Leitung in der Oststeiermark zu bauen? Es gibt keine direkte Zugverbindung mehr zwischen Graz und Linz. Das wird der Koralmtunnel sicher nicht alles lösen.

Was wäre noch zu lösen?

ANDROSCH: Wir sind nicht nur in der Steiermark ein zweigeteiltes Land zwischen einem ungeschützten Sektor, der im weltweiten Wettbewerb steht und erfolgreich ist - von Andritz bis Donawitz, Leykam bis AT&S oder List. Und wir haben einen geschützten Sektor, der einen Teil, den die anderen erwirtschaften, unsinnig verschwendet. Das ist das Dilemma Österreichs. Es fehlt dem Land an Aufbruchsstimmung.

Das steirische Budgetdefizit könnte nach Warnung von VP-Finanzlandesrat Buchmann bis 2013 auf über drei Milliarden explodieren. Wo würden denn Sie als Finanzchef ansetzen?

ANDROSCH: Wenn man nicht auf dem Spielfeld steht, kann man nicht sagen, wie man ein Tor schießt. Wenn man sich aber die Entwicklung der Wirtschaftsleistung und der Ausgaben des Landesbudgets anschaut, klafft das steigend auseinander.

Und keiner wagt, etwas gegen diese Entwicklung zu unternehmen. Woran fehlt es?

ANDROSCH: Es gibt ein Realitätsdefizit und in der Folge mangelt es am Mut, die Dinge anzupacken. Das ist aber kein steirisches Problem, sondern ein europäisches. Ich komme gerade aus China zurück, und wenn man dort die Dynamik sieht und zurückkehrt, packt einen der Schrecken.

Welche Chance geben Sie einem Landeshauptmann, der in letzter Zeit unter Dauerbeschuss stand, die Selbstsprengung der Grazer SPÖ hinnehmen musste und seit fünf Jahren einem Dauerwahlkampf der ÖVP ausgesetzt ist?

ANDROSCH: Nach den Umfragen ist es ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Ich halte aber wenig von Umfragen. Ich kann mich aber noch erinnern, als die SPÖ in Graz eine absolute Mehrheit hatte. Dass man sich selbst vernichten kann, ist aber eine Möglichkeit. Und von der wurde offensichtlich Gebrauch gemacht. Dass das für den Landeshauptmann eine besondere Hilfe ist, wird man schwerlich annehmen.

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Fakten

Hannes Androsch, geboren 18.4.1938 in Wien, Ex-SP-Finanzminister und Vizekanzler in der Ära Kreisky. Nach seinem Ausstieg aus der Politik Generaldirektor der CA.

Als Industrieller ist Androsch seit 1989 tätig. Er ist Miteigentümer von AT&S und der Salinen AG und ist geschäftsführender Gesellschafter der Androsch International Consulting.

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