Spurensuche in der Vergangenheit
Sigi Bergmann, Ex-ORF-Sportreporter und gebürtiger Vorauer, schreibt ein Buch über sein Leben. Die Spurensuche riss vernarbte Wunden wieder auf.

Foto © GEPASigi Bergmann
Der 17. April 1945 war für Sigi Bergmann der schrecklichste Tag seines Lebens. An diesem Kriegstag wurde seine Mutter, als heftige Kämpfe zwischen der Sowjetarmee und der deutschen Wehrmacht im Gebiet um Vorau tobten, tödlich getroffen - im Alter von 39 Jahren. Der Schuss war von deutschen Soldaten abgefeuert worden und hatte den Russen gegolten.
In einem autobiografischen Buch möchte Bergmann nun die Vergangenheit aufarbeiten. Beim Erinnerungsprozess brachen vernarbte Wunden wieder auf. Mit Schaudern denkt Bergmann an die Kriegswirren zurück. Am Morgen des 17. April brach im Haus Feuer aus und die Familie rannte zu einem nahen Holzstadel, um vor den fliegenden Geschossen Deckung zu suchen. Kopfüber warf man sich zu Boden. Bergmanns Mutter hielt ihr einziges Kind schützend im Arm, als sie erschossen wurde. Der Bub und seine Großmutter mussten die Tote zurücklassen und um ihr Leben laufen.
"Ich hatte dieses schreckliche Erlebnis über all die Jahrzehnte verdrängt. Erst jetzt bin ich das erste Mal zu der Stelle zurückgekehrt, wo es passiert ist", erzählt Bergmann von dem seelischen Trauma, über das zu sprechen ihm lange nicht möglich war. Das Bild von der sterbenden Mutter hat sich tief eingebrannt.
Fehler
Der Tod der Mutter trübte auch das Verhältnis Bergmanns zu seinem Vater, einem SS-Offizier. Das renkte sich jedoch allmählich wieder ein, da der Vater - er war später Hauptschuldirektor in Vorau - seine Mitgliedschaft bei der SS als persönlichen Fehler bereute. "Er hat immer gesagt, dem größten Betrüger aufgesessen zu sein."
Ein paar Monate nach Kriegsende holte Bergmanns Onkel, Weihbischof und Generalvikar Josef Streidt, den Buben zu sich nach Wien. So genoss er das Privileg im erzbischöflichen Palais direkt neben dem Stephansdom aufzuwachsen. "Zu den Kardinälen Innitzer und König sagte ich stets Onkel", denkt Bergmann zurück. "Meinetwegen hat Kardinal Innitzer sogar einmal gelogen." Als nämlich Bergman auf Anraten des Kardinals in dessen Amtsräumen mit seinem neuen Lederball in die Höhe schoss, traf er einen wertvollen Kristallluster. Die Scherben klirrten, worauf die Oberin hereinstürmte und dem Buben eine Ohrfeige verpassen wollte. Innitzer stellte sich schützend vor ihn und sagte: "Ich war's, der geschossen hat!" Die Oberin musste die Notlüge des Kardinals akzeptieren.
Bergmann möchte sein Buch zu einem 75. Geburtstag im kommenden Jänner fertig haben. Das wäre wohl leichter zu schaffen, würden da nicht die Olympischen Sommerspiele in London warten, bei denen Bergmann als Boxkommentator - er kommentierte über 3000 Boxkämpfe in seinem Berufsleben - wieder im Einsatz sein wird. Wer weiß, vielleicht kommt ja noch eine aktuelle olympische Anekdote dazu.
Features
FAKTEN
Sigi Bergmann wurde am 3. Jänner 1938 in Vorau geboren.
Aufgewachsen ist er in Wien bei seinem Onkel, dem Weihbischof Josef Streidt.
Nach der Ausbildung zum Volksschullehrer startete Bergmann seine berufliche Karriere als Sportreporter beim ORF.
Er ist Vater zweier Töchter und fünffacher Großvater.














