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Zuletzt aktualisiert: 13.07.2012 um 17:48 UhrKommentare

Die Prothese für ein Leben in Würde

Die bittere Armut in Teilen Europas bekommt bei der Integrationswoche Gesichter. 400 Kindern wurde auch in diesem Jahr in der Steiermark geholfen.

Hermann mit Militärkommandant Brigadier Heinz Zöllner, Vizeleutnant Peter Urstöger, Georg Bucher und Schützlingen

Foto © LEODOLTERHermann mit Militärkommandant Brigadier Heinz Zöllner, Vizeleutnant Peter Urstöger, Georg Bucher und Schützlingen

In Jovi´c ist die Welt ziemlich dunkel. Ein Großteil der rund 50 Einwohner des Dorfes im Kosovo ist blind, der Grund ist eine genetisch bedingte Krankheit, bei der sich die Netzhaut von den Augen ablöst. Doch in Jovi´c ist auch sonst vieles nicht in Ordnung. Das entlegene Nest, weit entfernt von der Hauptstadt Pristina, hatte bis vor Kurzem keine Wasserleitungen. Die Wäsche wurde am Brunnen oder Teich erledigt, Trinkwasser gab es erst in 800 Metern Entfernung. Holz zum Heizen fehlte, wie auch ausreichend Lebensmittel für Kinder und Erwachsene. Ein Arztbesuch war meist ein unerschwinglicher Luxus, Medikamente sowieso. Entsprechend rau ist das Leben in Jovi´c.

"Frauen und auch Kinder sind in Teilen des Kosovo wenig wert", sagt Maryla Hermann. Eine alte Frau in einem Nachbardorf wäre gestorben, wenn sie sie nicht selbst mit Essen versorgen würde. Die Familie hat sich nicht mehr um sie gekümmert.

Die Mädchen sind es deshalb, die ihr besonders am Herzen liegen. Vier von ihnen sitzen unter einem Baum im Hof der Kaserne Fliegerhorst Nittner in der Nähe des Grazer Flughafens. Sie sind von Geburt an fast blind und haben am nächsten Tag einen Termin beim Augenarzt. "Ob ihnen mit einer Operation geholfen werden kann, ist noch nicht klar. Für manche ist es einfach zu spät, die Krankheit zu weit fortgeschritten", sagt Hermann. Die blonde Frau kann trotz vieler Rückschläge einfach nicht aufhören, zu helfen.

Erholung und Medizin

Seit 23 Jahren organisiert Hermann die "Internationalen Integrationswoche" in der Steiermark, fast bis zur Selbstaufgabe und mithilfe von Spendengeldern. Viele Hundert kranke Kinder und Jugendliche aus armen Familien verschiedener ost- und südosteuropäischer Länder sind schon durch ihr Programm gelaufen. Sie machen Ausflüge in die Therme Loipersdorf, ins Schwarzl Freizeitzentrum und in die Lurgrotte. Grazer Sportstudenten helfen mit. Vor allem aber werden sie in Österreich untersucht, operiert, mit Medikamenten versorgt und bekommen neue Prothesen an Armen oder Beinen.

Wie Rinor. Der kleine Kosovare ist neun Jahre alt, aber sieht aus wie fünf. Er hat durch einen Gendefekt keine Mimik, kann nicht lachen. Damit nicht genug hat Rinor nach einer Polio-Infektion ein Bein verloren. Seiner alten Prothese ist er entwachsen, der zu klein gewordene "Fuß" schwebt jetzt in skurriler Weise über dem Boden, darunter ist noch eine provisorische Verlängerung angebracht. Im Kosovo hätte er wenig Chancen. In Graz bekommt er die Grundlage für ein mobiles Leben.

"Manche Kinder kommen seit Jahren her", sagt Hermann und zeigt auf Anja, eine junge Frau mit blonden Ringellocken. Die Polin hat eine Armprothese, ist seit zehn Jahren bei den Integrationswochen dabei und studiert mittlerweile Kunst. Nach einer Operation am linken Daumen kann sie endlich ihrer Leidenschaft, dem Malen nachgehen.

Armut in Europa

Viele Einzelschicksale, viele junge Europäer, die in großer Armut leben und nur durch den Einsatz von Hermann, dem Land Steiermark und der Stadt Graz und vielen Sponsoren und Spendern die Chance auf ein möglichst selbstbestimmtes Leben bekommen. Ein Teil der Kinder und Jugendlichen ist in zwei Grazer Kasernen untergebracht. Die anderen wohnen im Ferien- und Seminarhotel Semriacherhof.

"Meine Motivation sind sie, die Kinder", sagt Georg Bucher, Vorstandsmitglied der Steiermärkischen Sparkasse, die seit Jahren Hauptsponsor ist. "Außerdem geht es ja um eine Region, in der die Steiermärkische tätig ist", fügt er hinzu.

Auch um das kleine Dorf Jovi´c, wo nun ein Blindenhaus steht. Mit einer Wasserzufuhr.

SONJA HASEWEND

Fakten

Seit 1989 organisiert Maryla Hermann Integrationswochen für benachteiligte Kinder und Jugendliche.

400 sind es heuer aus: Kosovo, Kroatien, Polen, Slowenien, Tschechien, Ukraine, Ungarn und Österreich mit Studenten aus der Steiermark.

Veranstalter: Institut für Sportwissenschaften und das Landes-Ausbildungszentrum (ABZ) Andritz.

Spenden: Steiermärkische Sparkasse, Kontonr.: 00000709055, BLZ: 20815, Kennwort: A-271 540 000 02 Integrationstage.

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