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Zuletzt aktualisiert: 12.07.2008 um 22:33 UhrKommentare

Im Vorzelt zur endlosen Zufriedenheit

Urlaub im Wagen. Zwischen Gartenzwergerl, Maschendrahtzaun und Abwasch in Reih und Glied. Die Dauercamper vom Schwarzlsee über Fremdmähen und den siebten Himmel.

Schwarzl See

Foto © KlimkeitSchwarzl See

Franz riecht nach Sommer und glänzt in der Sonne. Den Rasen penibel gestutzt wie das grau melierte Haar steht er auf seiner Nummer eins. Der 127. Zuhause, in Graz, hat er eine Dreizimmer-Wohnung, sie kann nicht mithalten mit diesen paar Quadratmetern Erde.

Treue. Im Leben müsse man treu sein. Dem Campingplatz, wie der Angebeteten. Seit 48 Jahren schon macht er seiner Rosemarie in der Früh ihren Kaffee und seit 19 Jahren hält er von April bis Oktober dem Campingplatz am Schwarzlsee die Treue. Auch im Winter schaut er vorbei. Eine Affäre, von der Rosemarie weiß, mit dieser Gewissheit aber trotzdem noch gut schlafen kann.

Dauercamper. Campen am Schwarzlsee: 230 Stellplätze, 200 davon Dauerplätze, acht Waschmaschinen, drei Wäschetrockner, dreißig Duschkabinen, jeweils dreißig WC's für Damen und Herren. Die Welt ist ein Dorf nahe Graz - gemacht aus Vorzelten und Miniatur-Gärten. Hier spielt's alle Stückerln. Tische kann man ausziehen, Sessel zusammenklappen und Geschirr ineinander schieben. Zu kompliziert? Ach wo. Der Urlaub unter Freunden durchzieht die sozialen Schichten wie das Fett den Speck. Vielen macht's das Leben erst richtig g'schmackig. Ärzte, Ex-Häftlinge, Polizisten, Krankenpfleger, Dessous-Verkäufer und Hausfrauen. Die Jagd nach den besten Plätzen hat etwas von Kaffeesudlesen. Schon beim ersten Anzeichen einer Veränderung kreisen die Geier. Sprichwörtlich. Schließlich geht's ja auch um was. Wohnst du noch, oder lebst du schon?<

Das Stück Zufriedenheit. Acht Meter lang, zweieinhalb breit, grenzenlos gemütlich - so sieht Walters klimatisiertes Stück Zufriedenheit aus. An den Wänden hängen Bilder, in den Regalen stehen Keramikfiguren. Der Raum wird dem Wort "Wohn-Zimmer" gerecht. Klopft man an den Wagen, entschlüpft ihm Walter wie ein Flaschengeist. Der eine wohnt dem anderen inne. Beide haben ein Platzerl in ihrem Herzen frei, wo sie sich gegenseitig Unterschlupf gewähren.

Kraftkammer. Vorm Wagen hat er eine kleine Kraftkammer. Hanteln, Gewichte & Co. Im Vorzelt der Kraft. Unmittelbar nebenan sind seine Freunde. Die die's nicht mehr werden - Gott sei Dank - nicht. Die "Besserwissis", die meidet man. Die Camper, das sei schon ein eigener Schlag Leute. Selbst hat er Waschbetonplatten vor seiner mobilen Hütte. Grau statt Grün, um sich das Mähen zu ersparen. Dafür kümmert er sich um den Rasen von sechs seiner Freunde. "So sind sie, die Camper", lacht er. Viel hat er schon erlebt. Fremdenlegionär war er. Vietnam, Madagaskar Korsika. Wer schon überall war, ist nur mehr daheim daheim. Vor einigen Jahren war es an der Zeit, die Trampelpfade des Alltags zu verlassen. Jetzt kocht er sich auf einen Sitz zwanzig Tiroler Knödel, friert sie ein und taut sie wieder auf. Camper sind Schnecken, sie tragen Haushalt und Leben auf ihrem Rücken.

Tiger Bikini. Einige Meter weiter liegt ein nasser Tiger-Bikini auf einem Zaun auf der Lauer. Vorsicht, bissig! Aus einem Radio dudelt "Anita, Anita", gefolgt vom Verkehrsfunk. Über einem Dach huldigt eine SK-Sturm-Fahne vor kitschig blauem Himmel der Fußballmannschaft.

Der siebte Himmel. Über einem Eingang prangt das Schild "7. Himmel". Im Garten nebenan schwingt ein Gartenzwerg mit fiesem Grinsen die Gießkanne. Er sieht einem beim Vorbeifahren nach. Gänsehaut. Heinz Schörkmaier vom Campingbüro am Schwarzl dreht hier jeden Tag planetengleich seine Runden. Er kennt die Nummern der Plätze, kennt die Leute und weiß oft mehr, als ihm lieb ist: "Wo Sonne, da Schatten." Kommt er, grüßen die Leute und deponieren Dinge, die sie schon lange los werden wollten. Bei 230 Stellplätzen häuft sich einiges an. Die Jugendlichen, die auf der Straße nach dem Motto: Vorrang gibt man nicht, Vorrang nimmt man sich, vorbei rasen. Die Tatsache, dass um zehn Uhr abends eigentlich schon längst Ruhezeit wäre oder, dass wieder einmal ein Klo verstopft ist. Die Litanei der Camping-Sorgen.

Geschlossene Gesellschaft. "Je höher der Zaun, desto weniger mögen sich die Leute." Der Platz ist eine geschlossene Gesellschaft. Jeder hat sein Rolle: die Ulknudel, der Bastler, der Fischer. Der Dress-Code ist ungezwungen: Bikini, Shorts, Schlapfen. Zwicken darf's halt nicht.

Alltag. Der Alltag besteht aus Spontanzusammenkünften. Wie beim Abwasch in Reih und Glied, wo zum dreckigen Geschirr die köstlichsten Gerichte aus der Gerüchteküche aufgetischt werden. Am späten Nachmittag toben die Kleinen im Wasser und die Großen diskutieren am Stammtisch. In wenigen Stunden wird's nach frisch Gegrilltem riechen. Geburtstagsfeier. Dazu eine Flasche Wein, weil die eben noch immer die besten Gutenachtgeschichten kennt. Der siebte Himmel eben.

CARMEN OSTER

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