Der Fall Richter
In einer Woche wird der Tierschützer- Prozess in Wiener Neustadt fortgesetzt. G7 besuchte David Richter, einen der 13 Angeklagten, zu Hause in Thal bei Graz.

Foto © Erwin ScheriauDavid Richter ist beim VgT zuständig für Kampagnen und Recherchen
Herr Richter, Ihnen und zwölf weiteren Tierschützern wird seit 2. März 2010 der Prozess gemacht. Insgesamt sind es bereits 63 Verhandlungstage. Wenn wir zurückblenden, ganz an den Anfang Ihrer Tierschutz-Karriere, wo befinden wir uns da eigentlich?
DAVID RICHTER: Ich war 16, lebte im Waldviertel und verbrachte fast jedes Wochenende im Stall bei den Nachbarn, einer Bauernfamilie. Die hatten Schweine und Rinder und ich hab' oft geholfen. Ich bin auch einmal in den Schlachthof gefahren. Das hat mir alles nichts ausgemacht.
Wie bitte?
RICHTER: Nein, gar nicht. Die Rinder waren an der Kette, Schweine hatten einen Bauchgurt, das war halt so. Und deshalb verstehe ich die Bauern auch so gut. Das ist eine Lebensanschauung, sie leben mit den Tieren, und die Tiere sind Nutztiere. So ist das halt.
Und was passierte dann mit Ihnen?
RICHTER: Ich sah eine Doku im ORF, im Inlandsreport. Da ging es um Tiertransporte. Da wurde ich schlagartig Vegetarier.
Was war so schlimm?
RICHTER: Ich habe - sozusagen aus einer anderen Perspektive - gesehen, wie Tiere gequält werden und wie sie leiden. Ich stelle mir deshalb heute die Frage, warum darf man Schweine quälen, Hunde aber nicht? Antwort: weil man Schweine isst. Das trifft mich zutiefst. Ich verstehe es nicht.
Veganer wurden Sie aber erst später, warum?
RICHTER: Es war das konsequente Weiterdenken, eine Entwicklung. Zu dieser Zeit war es aber auch noch schwieriger, sich vegan zu ernähren. Heute ernährt sich meine ganze Familie so.
Die Kinder auch?
RICHTER: Natürlich. Ich kann mir ehrlich gesagt auch nicht vorstellen, dass sie jemals Fleisch essen würden. Es graust ihnen ja davor. Meine Frau, die Susanne, und ich, wir versuchen unsere Kinder halt so zu ernähren, wie wir es für richtig halten. Und es ist schon seltsam, dass uns sogar Ärzte, Leute, die es also wissen müssten, kritisieren, wenn wir sagen, wir essen kein Fleisch. Ich meine, schaue ich schlecht aus? Oder meine Kinder?
Sie werden für Ihre Lebensweise kritisiert. Macht einen das sturer?
RICHTER: Ich denke, man wird insgesamt einfach ein kritischerer Mensch. Wir überdenken das Impfen, unsere Tochter geht in einen alternativen Kindergarten, wir hatten Hausgeburten. Wir versuchen halt einfach, bewusster zu leben. Aber das Wichtigste bitte ist, dass wir niemandem etwas aufzwingen, niemandem sagen, wie er sein Leben leben soll.
Welche Erfolgserlebnisse hat man als Tierschützer eigentlich? Ist das nicht eine Sisyphus-Arbeit?
RICHTER: 2005 fiel die Käfighaltung bei Hühnern, 2013 endet auch die Übergangsfrist, Eier aus Käfighaltung gingen von 50 auf 5 Prozent zurück. Ich habe mich ein Jahr lang nur mit Bäckern und Konditoreien beschäftigt und bewirkt, dass die Firma Recheis nur mehr Eier aus Bodenhaltung hat und auch Wolf-Nudeln die Produktpalette neu überdachte. Wir kämpften gegen Trockeneipulver aus Argentinien. Hofer hat durch unsere Arbeit keine Käfigeier mehr, alle anderen Handelsketten folgten. Ich glaube, wir haben schon große Erfolge.
Wie weit geht Ihr Verständnis von zivilem Ungehorsam?
RICHTER: Ich finde es so lange in Ordnung, solange bestimmte Grenzen nicht übertreten werden.
Was zum Beispiel?
RICHTER: Ich meine, Sitzblockaden vor Geschäften sind eine gewisse Zeit lang zu vertreten, Anketten auch, oder Abseilen von Hausfassaden. Schauen Sie, heute isst der Mensch so viel Fleisch wie noch nie zuvor. Das muss nicht sein. Dafür muss man doch eintreten dürfen.
Aber wo hört Ihr Kampf auf? Was ist das Ziel?
RICHTER: Das kann man nicht so einfach sagen. Ich will zum Beispiel, dass das Schwein ein Recht auf ein schmerzfreies Leben hat. Schauen Sie, im Burgenland gibt es ganze Landstriche, die auf Tierhaltung verzichten, warum nicht auch in der Steiermark?
Der Prozessakt ist 200.000 Seiten dick, das Verfahren dürfte noch Monate dauern. Wie geht es dem Verein gegen Tierfabriken?
RICHTER: Er ist ein Schiff mit Schlagseite, da ja fünf Leute davon vor Gericht stehen. Aber unsere Pelz- und Schweinekampagnen laufen weiter. Wir haben halt keinen Urlaub mehr. Dafür ist die Motivation gestiegen.
Und wie geht es Ihnen selbst?
RICHTER: Ich habe große Angst. Meine Familie auch. Wir wohnen abgeschieden. Nach der Hausdurchsuchung im Jahr 2009 hatte ich bei jedem Autogeräusch Panik.
Was kann Sie noch schockieren?
RICHTER: Das Urteil.
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Der Prozess
In Wiener Neustadt sind derzeit 13 Tierschützer unter anderem wegen Nötigung von Unternehmern angeklagt. Sechs davon ausschließlich nach Paragraf 278a Strafgesetzbuch - wegen der Beteiligung an einer kriminellen Organisation ("Mafiaparagraf").
Zur Person
David Richter (34) wechselte nach der Gartenbauschule in Schönbrunn und einer Anstellung im Bio-Lebensmittelhandel in den 90er Jahren hauptberuflich zum Verein gegen Tierfabriken (VgT). Dort ist er zuständig für Kampagnen und Recherchen und ist Steiermark-Koordinator. Der VgT wurde 1992 gegründet, hat 18.000 Mitglieder, ist Träger des österreichischen Spendengütesiegels und setzt sich für Tierrechte ein.








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