War die kleine Michelle zu retten?
Trotz hohem Fieber schickte ein Arzt der Grazer Kinderklinik das Baby heim. Stunden später starb es an Meningokokken. Klinikleitung weist Schuld von sich.

Foto © Thomas StanzerDie Klinikleitung der Grazer Kinderklinik weist alle Schuld von sich
Am Donnerstag wäre Michelle elf Monate alt geworden. Es war ihr nicht vergönnt. Die einzige Tochter von Claudia Kahr und Robert Reif aus Seiersberg starb vergangenen Samstag an einer Meningokokken-C-Infektion.
Schwere Vorwürfe. Nun erheben die Eltern schwere Vorwürfe gegen die Grazer Kinderklinik. Zuerst habe man mit der hoch fiebrigen Tochter lange warten müssen, dann hätte ein Oberarzt sie nach Hause geschickt. Keine sieben Stunden später war Michelle tot. Der Klinikvorstand Wilhelm Müller ist selbst bestürzt, nimmt aber den Arzt in Schutz: "Ich habe so einen tragischen Fall bei einem Säugling noch nie erlebt. Die Laboruntersuchungen waren unauffällig. Es war nicht möglich, die Meningokokken-Erkrankung zu erkennen."
"Flascherl verweigert". Das Unglück brach aus heiterem Himmel über die Familie herein. Am vergangenen Freitag war Michelle "quietschvergnügt und aufgeweckt wie immer", erinnert sich Claudia Kahr unter Tränen. Als sie am Samstag aufwachte, verweigerte sie zum ersten Mal das Flascherl. "Gegen Mittag hatte sie 40,1 Grad, da sind wir sofort in die Kinderklinik gefahren." Am Weg dort hin musste sich das Mädchen mehrmals erbrechen.
Notaufnahme nicht besetzt. Gegen 13 Uhr war die Familie in der Notaufnahme - nur die war gerade nicht besetzt. Voller Verzweiflung stürmten die Eltern in ein Behandlungszimmer. Eine Krankenschwester bat die Familie daraufhin in den Wickelraum, spritzte Michelle wortlos eine Flüssigkeit in den Mund und ging. Schließlich nahm die Familie im Warteraum Platz, Michelle war benommen und fiebrig - "aber das interessierte keinen". Nach einer Dreiviertelstunde schickte die Krankenschwester die Familie zur Blutabnahme, später zur Harnuntersuchung.
"Fieberhafter Infekt". Gegen 16 Uhr nahm sich endlich ein Oberarzt der besorgten Eltern an. "Er hat gesagt, die Blutwerte seien in Ordnung, dann hat er unsere Tochter das erste Mal überhaupt untersucht und gemeint, es sei ein fieberhafter Infekt und wir können mit ihr heimgehen." Durch fiebersenkende Medikamente war das Fieber mittlerweile auf 37,9 Grad gefallen. Sollte sich Durchfall einstellen, sollten die Eltern mit ihrer Tochter wiederkommen.
"Blau angelaufen". Daheim legten Claudia Kahr und Robert Reif ihre erschöpfte Tochter ins Bett. "Alle halben Stunden haben wir nach ihr gesehen. Gegen 22.30 Uhr war Michelle plötzlich blau angelaufen." Der Notarzt konnte das Mädchen nicht mehr retten. "Hätte der Arzt die Symptome erkannt und sie im Spital behalten, wäre unsere Tochter noch am Leben", sind sich ihre Eltern sicher.
Erkrankung nicht erkennbar. "Das Blutbild war komplett unauffällig, die Entzündungswerte nicht erhöht, es gab keine Hautblutungen und das Mädchen hat abgefiebert. Der Oberarzt konnte keine Meningokokken-Erkrankung erkennen", versichert Wilhelm Müller, Leiter der Kinderklinik am LKH Graz. Hätte man das Mädchen retten können, wenn man sie im Spital behalten hätte? "Das kann ich nicht sagen." Nun ermittelt die Staatsanwaltschaft in dem tragischen Fall.
Features
Interview
Meningokokken
Typen: Es gibt 13 Typen der Meningokokken-Bakterien, 70 Prozent der Infektionen werden durch Serotyp B verursacht, weitere 20 Prozent durch A, C und Y.
Verlauf: Die Inkubationszeit beträgt drei bis vier Tage. Das Spektrum reicht von leichten, selbst heilenden Fällen bis zu akuten Ausbrüchen, die in wenigen Stunden zum Tod führen.
Symptome und Therapie
Symptome: Hohes Fieber, Erbrechen, Schüttelfrost und Krämpfe. Bewusstseinstrü-
Therapie: Antibiotikum (z. B. Penicillin G). Gegen die Gruppen A und C gibt es eine Impfung, ebenso einen "ACWY-Impfstoff". Gegen die Gruppe B gibt es keine Impfung.








