In einem unbekannten Land
5150 Höhenmeter auf 188 km: G7 bezwang den Grazer-Umland- Weg und durchwanderte verlassene Nester und Speckgürtelgrün. Eine Landpartie in Serie.

Foto © Gernot EderLernten Kartenlesen: Nina Müller und Julia Schafferhofer
Weitwandern, aber ganz in der Nähe: In 188 Kilometern führt der GUW, der Grazer Umlandweg, rund um den Bezirk Graz Umgebung. Höchstens 25 Kilometer von der Stadt entfernt, befördert er uns im Kopf wesentlich weiter weg. In neun Tagesetappen mit insgesamt 5150 Höhenmetern gehen wir vorbei an nicht enden wollenden Maisfeldern, gartenzwergübersäten Vorgärten und blumengeschmückten Marterln. Durch gottverlassene Nester und angeschwollene Speckgürteldörfer. Über Wiesen, Wälder und viele, viele Asphaltstraßen.
Warum wir uns diese (Tor)-Tour antun? Um in ein für uns unbekanntes Land vorzudringen. Gegenden zu erkunden, in die man nie hinkommt - weil es keinen Grund gibt, hinzufahren. Und um zu sehen, was sich hinter klingenden Namen wie Sukdull oder Kotzersdorf versteckt.
Was uns Stadtmenschen mit auf den Weg geben: "Wenn ihr zu erledigt seid, ruft doch einfach ein Taxi nach Hause", "wenn ihr hungrig seid, bestellt eine Pizza".
Von Fernitz nach Laßnitzhöhe
Etappe eins: Voll bepackt und sorglos steigen wir im Blumenschmuck-Ort Fernitz aus dem Bus, finden mit dem Wanderführer (Naturfreunde Graz, 2003) mühelos den Einstieg in die Tour - und biegen beim ersten Wegweiser falsch ab. Orientierungslos am Hühnerberg, weisen uns Nordic Walkerinnen zurück auf die Gemeindestraße, wo wir die erste Kontrollstation, das Gasthaus Tischlerwirt, finden: geschlossen. Leider kein Stempel ins Buch für unsere Urkunde.
Lektion eins im Kartenlesen: In der Stadt ist das einfacher. Statt Straßennamen müssen wir uns an Bildstöcken, Bächen oder Transformatoren orientieren. Es wäre alles eingezeichnet. Trotzdem landen wir statt in Edelsgrub in Liebensdorf. Letzte Rettung: Autostopp, retour auf die Strecke.
Jetzt aber richtig: In Edelsgrub bewundern wir Bilderbuch-Straßenlaternen am Waldrand, Koffein ist im Dorf keines aufzutreiben. Mit Kontrollstempel Nummer eins (Nestelbach) im Rucksack unterwandern wir die Südautobahn und erreichen neun Stunden und 24 Kilometer nach Fernitz unser Etappenziel: Den Gasthof "Zur Bahn" in Laßnitzhöhe. Samt Hochzeitsfeier und weltgewandten Gästen, die an der Theke erklären, wie man Aperolspritzer mixt. In einem Zimmer aus den Siebzigern fallen wir zufrieden ins Bett. Wie Steine. Nur 27 Minuten S-Bahn-Fahrt von zu Hause.
Von Laßnitzhöhe nach St. Radegund
Etappe zwei: Quer über die Baustelle am Bahnhof geht es weiter - über einsame Wiesen, Felder, Höfe und viel Niemandsland nach Eggersdorf. Was uns noch nicht bewusst ist: Vor uns liegt ein langer, öder Marsch über die Gemeindestraße. Über Kotzersdorf, Hart und Albersdorf knallt die Sonne auf den Asphalt, wenige Zentimeter darüber beginnen zwei von vier Fußsohlen zu rebellieren und sich aus Protest zu riesigen Blasen aufzuplustern.
Nach noch mehr menschenleeren Vorgärten und kaum Autos erreichen wir das nächste Etappenziel - und befinden uns mitten in der überfüllten Well Welt Kumberg plötzlich wieder in der Zivilisation. Wir baden in riesigen Eisbechern.
Über den idyllischen Kumberger Hauptplatz ("Kein Hundeklo" ermahnen Schilder in Blumenbeeten) geht es durch Kickenheim entlang eines hübschen Bächleins hinauf zu unserem heiß ersehnten Etappenziel am Fuß des Schöckls: St. Radegund. Und wenn wir am nächsten Tag wie die Grazer den Schöckl erklimmen, haben wir schon 44,2 Kilometer in den Waden.









