"Der Unfall hat unser Leben total verändert"
Jeden Tag liest man in den Medien von schrecklichen Unfällen. Doch was heißt es wirklich, Unfallopfer zu sein? Eine betroffene Steirerin erzählt.

Foto © FF KRUMEGGDie schwer verletzte Lenkerin (oben) und der Polo, von dem damals nur ein Trümmerhaufen blieb
Das war das Schlimmste, was mir in meinem Leben passiert ist", erzählt Manuela (Name von der Redaktion geändert), eine alleinerziehende Mutter. Dieser Freitag, der 17. Juni 2011, hat ihr Leben verändert.
Kurz vor ihrem 21. Geburtstag war sie mit ihrem dreijährigen Sohn im Polo auf dem Weg nach Hause auf der L 367 im Gemeindegebiet Krumegg, als ihr auf dem Wanzenkogel bei regennasser Fahrbahn ein Lkw mit leerem Anhänger entgegenkam. Der Anhänger brach in der Kurve aus und rammte frontal den entgegenkommenden Polo. Der wurde von der Straße geschleudert und blieb völlig demoliert auf einer Wiese liegen. Zum Glück waren das Rote Kreuz Nestelbach und die Feuerwehren von Krumegg und Nestelbach sofort zur Stelle.
Die am Unfall unschuldige Lenkerin musste aus dem Wrack geschnitten werden. Mit dem Rettungshubschrauber wurde sie ins LKH Graz eingeliefert. 13 Brüche stellte man dort fest, allein der linke Fuß war sieben Mal gebrochen und total zersplittert, dazu Elle, Speiche, die Nase und die Rippen mehrfach gebrochen. Lungen-, Leber- und Milzrisse wurden diagnostiziert und tiefe Schnittwunden. Splitter sind in ihre Augen gedrungen, die Zahl der Dioptrien hat sich verdoppelt. Während Manuela blutüberströmt im zerstörten Auto lag, saß am Rücksitz ihr dreijähriger Bub und brüllte wie am Spieß.
Kann nichts alleine machen
"Gott sei Dank hat er einen Kindersitz mit 3-Punkt-Hosenträgergurt gehabt", sagt sie rückblickend. "Der hat ihm das Leben gerettet, aber er hat einen Schock erlitten. Einige Mädchen der Rettung haben sich ganz lieb um ihn gekümmert und mit ihm gespielt, damit er sich beruhigt." Eine Frau, die neben der Unfallstelle wohnt, war so nett und hat den ihr fremden, verzweifelten Buben im Rettungsauto begleitet.
Manuela bekommt Morphium gegen die wahnsinnigen Schmerzen, der Bub wird von der geschockten Oma, Manuelas Mutter, abgeholt. "Tag und Nacht hat er geschrien ,Meine Mama ist blutig, meine Mama ist blutig'", erzählt die Oma. Nach mehreren Operationen wird Manuela aus dem LKH entlassen. Sie kann nur auf Krücken humpeln, nichts machen. Wochenlang benötigt sie Hilfe, sogar wenn sie in die Dusche oder aufs Klo gehen will.
Und das Ärgste - ihr Sohn richtet alle Aggressionen gegen die eigene Mutter, weil er sich von ihr im Stich gelassen fühlt. Die Folge: Er ist wieder Bettnässer. "Dieses Gefühl ist der Wahnsinn", sagt Manuela. "Wenn das eigene Kind dich aus Fremdverschulden hasst."
Einen Monat später folgt der nächste Schlag. Sie verliert ihren Job als Kellnerin. "Ich wurde einfach gekündigt, aber alle Fixkosten bleiben", seufzt sie. Und weitere Kosten kommen dazu - wichtige Therapien müssen vorab bezahlt werden, Medikamente wie eine Narbensalbe müssen privat gekauft werden und sind sehr teuer. Lebensmittel besorgt sie nur noch in den Carla-Läden, Kleidung wird auf Flohmärkten gekauft. Und trotzdem wird das Minus auf dem Bankkonto immer größer. Zwischenzeitlich hat auch die Oma ihre Beschäftigung aufgeben müssen, um rund um die Uhr für Tochter und Enkel da zu sein. Jetzt normalisiert sich die Situation langsam. "Aber je besser es meiner Tochter geht, desto schlechter geht es mir", schildert die Oma. Mit akuten Atemwegproblemen musste sie ins Spital.
Zu 30 Prozent behindert
Vom Bundessozialamt wurde Manuela inzwischen eine 30-prozentige Behinderung bestätigt, doch Zahlungen gibt es erst nach der Gerichtsverhandlung - also vielleicht Ende dieses Jahres. "Da ich mit meinem kaputten Fuß keinen stehenden Beruf mehr ausüben kann, muss ich umgeschult werden", berichtet Manuela. Das ist aber für eine alleinerziehende Mutter gar nicht so einfach. Wo soll sie während der Kurse ihr Kind unterbringen? Außerdem muss sie immer per Auto nach Graz fahren. "Und die Erinnerung fährt immer mit."
Bleibt noch eine Angst: Wenn man keine Rechtsschutzversicherung hat, fürchtet Manuela, steigt man auf das erste Angebot der Versicherung ein. Weil die Schulden immer höher werden.
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Fakten
. . . dass im Jahr 2011 auf Österreichs Straßen 521 Menschen bei 491 tödlichen Unfällen ums Leben gekommen sind? Nämlich 282 Pkw- und 17 Lkw-Insassen, 68 Motorrad-, 17 Moped- und 42 Radfahrer, 86 Fußgänger, vier Traktorlenker bzw. -mitfahrer, zwei Lenker von Arbeitsmaschinen, zwei Microcarlenker bzw. -mitfahrer und ein Lenker eines Behindertenfahrzeugs.
. . . dass es in den Bundesländern Niederösterreich, Oberösterreich, der Steiermark und in Wien im Jahr 2011 die bisher geringste Zahl an Verkehrstoten seit 45 Jahren gab?
. . . dass im Vergleich zum Jahr 2010 trotzdem in vier Bundesländern - nämlich in Tirol, Vorarlberg, Salzburg und dem Burgenland - mehr Unfallopfer zu beklagen waren?
. . . dass das schwärzeste Jahr in der Unfallstatistik das Jahr 1972 war? Damals gab es 2948 Tote im Straßenverkehr.









