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Zuletzt aktualisiert: 01.05.2010 um 06:57 UhrKommentare

Mit dem Strom gehen

Vor einem Jahr begannen die Bauarbeiten für das umstrittene Murkraftwerk in Gössendorf. Ein Stimmungsbericht zwischen Ebbe und Flut.

Foto © Erwin Scheriau

Au war früher. Heute ist Baustelle. Während der Naturschutzbund gerade gegen die Staustufen in Puntigam mobil macht, sind die Arbeiten beim Projekt Gössendorf/Kalsdorf voll im Gange. Am besten sieht man das von der Autobahn – auf der A2 Richtung Graz. Ein Blick nach links Richtung Gössendorf genügt. Wo vor gut einem Jahr noch Bäume die Mur säumten, erstreckt sich jetzt eine Uferpromenade. Baumstümpfe erinnern an die ehemalige Auenlandschaft, zumindest an jenen Stellen, an denen noch kein Sand für den Staubereich aufgeschüttet wurde. Krumme Zeugen eines besonderen Landschaftsraums, für den Naturschützer lange und bis zur höchsten Instanz vergeblich gekämpft hatten.

Alles läuft nach Plan

Aber Au war eben früher. Heute ist ein Loch. 15 Meter tief klafft die Baugrube in Gössendorf in der Mur. Von hohen Kränen gesäumt, wie früher die Bäume am Flussufer. Und es ist seltsam ruhig hier, obwohl die Betonarbeiten am Hauptbauwerk mit schwerem Gerät in vollem Gange sind. "Alles läuft nach Plan", ist Baustellenleiter Andreas Fürst von der Estag zufrieden. "Im Dezember 2011 sind wir mit Gössendorf fertig, ein Jahr später wird auch das Kraftwerk Kalsdorf den Betrieb aufnehmen." Bis dahin soll dann auch das Naherholungsgebiet mit Radwegen und Freizeiteinrichtungen fertig ausgebaut sein. Neugierig sind die Anrainer zum Leidwesen von Fürst aber schon heute. ?An schönen Tagen kämpfen wir mit einem regelrechten Baustellen-Tourimus“, beklagt er die Unvorsichtigkeit der Besucher. Diese kämen nicht nur zum Schauen kommen, sondern würden die gerodeten Flächen schon jetzt trotz Bauzäunen als Laufstrecke nutzen.

Auch Ludmilla Kaufmann fährt immer wieder mit ihrem Fahrrad vorbei. "Obwohl man von der Murfelderstraße aus die Baustelle gar nicht sieht", ist sie erstaunt. Deswegen macht sie sich auch keine Sorgen um die Naturlandschaft. "Es ist doch noch immer genug Wald da und wenn die Maschinen weg sind, werden bestimmt auch die Tiere wiederkommen", schwingt sie sich auf ihr Fahrrad, um zu schauen, ob der große Kran noch immer über dem Loch trohnt: "Und besser als Atomkraft ist es auf jeden Fall." Diese Meinung teilt sie übrigens mit 74 Prozent der Grazer , die Atomkraft als umweltschädlich einstufen. Das ergab eine, von der Estag in Auftrag gegebene Studie, bei welcher Anfang des Jahres 846 Grazer befragt worden waren. 82 Prozent stehen demnach hinter dem geplanten Bau des Wasserkraftwerks in Puntigam. Bedenken werden in Bezug auf Hochwasser geäußert.

Wie auch von Herbert Rolko. Vor 50 Jahren baute er sein Haus nahe der Mur und hat seit dieser Zeit schon viel erlebt. "Zuerst waren wir ganz allein in dieser Gegend. Dann kamen immer mehr Häuser, danach die Autobahn und jetzt eben das Kraftwerk." Um die Au sorgt er sich nicht. "Aber auf eine Überschwemmung kann ich gerne verzichten."

Die letzten Au-Bewohner

Leben in der Au war früher. Heute ist Abwanderung. Nicht nur für Tiere. Ganz versteckt hinter einem Wall aus aufgetürmter Erde stehen zwischen ein paar letzten Bäumen einfache Hütten. Nicht mehr als ausgebaute Wohnwagen, verstärkt mit Holzlatten und Wellblech-Platten, inmitten einer Gerümpel-Wüste. "Wir haben eigentlich schon alles gepackt und warten nur noch auf die Wohnungszuweisung." Der 19-Jährige, der aufgrund früherer Diskriminierungen nicht erkannt werden möchte, lebt seit seiner Geburt hier. Für ihn und seine Brüder ist die Au weder Natur- noch Wirtschaftsraum. Sie ist sein Zuhause. "Wir wurden zwar immer wieder als asozial bezeichnet, als die letzten Zigeuner von Graz", weiß er. "Aber ich habe jeden einzelnen Tag gerne hier gelebt." Deswegen sei es frage der Ehre, jede der selbst gebauten Hütten auch mit den eigenen Händen abzureißen. Zerstören, damit etwas Neues entstehen kann. Au war nämlich früher. Heute ist Kraftwerk.

HEIKE KRUSCH

Umwelt-Gutachten

März 2008: positives Gutachten des Landes, Einspruch vieler Umweltorganisationen

Jänner 2009: der Umweltsenat genehmigt den Bau

Februar/März 2009: Einspruch beim Verwaltungsgerichtshof (VwGH), Demos der Gegner

April 2009: Aufschub des Baubeginns nicht genehmigt

Februar 2010: VwGH weist letzte Beschwerden gänzlich ab

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