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Zuletzt aktualisiert: 10.10.2011 um 18:51 UhrKommentare

Pfarrer im Diskurs: "Wir müssen hinausgehen"

Die beiden Pfarrer Hermann Glettler und Josef Wilfing über Erfahrungen in der Seelsorge, den Umgang mit Ausgetretenen und die Forderungen der Pfarrerinitiative.

Pfarrer Wilfing (links) und Pfarrer Glettler haben jahrelange Erfahrung in der Seelsorge

Foto © Montage: FuchsPfarrer Wilfing (links) und Pfarrer Glettler haben jahrelange Erfahrung in der Seelsorge

S ie sind beide Seelsorger in der Steiermark, Ihre Pfarren dennoch grundverschieden.

PFARRER JOSEF WILFING: Hausmannstätten ist eine Stadtrandpfarre mit rund 7700 Einwohnern, davon 6500 Katholiken. Rund 400 Menschen kommen zur Sonntagsmesse, ältere Menschen, auch viele Familien mit Kindern. PFARRER HERMANN GLETTLER: Der Pfarrverband St. Andrä-Karlau umfasst rund 6500 Katholiken, das sind rund 50 Prozent der Bevölkerung. Daneben gibt es ein buntes Bild anderer christlicher Konfessionen, viele Muslime und Leute ohne religiöses Bekenntnis. Für die Katholiken würden eine Pfarre und eine Kirche mit einem Pfarrer reichen. Tatsächlich haben wir zwei Pfarr- und zwei Filialkirchen und drei Pfarrkindergärten.

Die Pfarrerinitiative fordert für jede Pfarre einen Priester, der am Sonntag nur eine Messe lesen soll. GLETTLER: An einem Sonntag kann man als Priester zwei Gottesdienste feiern. Dass jede Pfarre ihren eigenen Pfarrer haben muss, erinnert mich an ein Gemeindeverständnis der 70er-Jahre. Das ist eine Überbetonung des Amtes und des Klerikers. WILFING: Hier muss ich klarstellen: Bei der Forderung geht es nicht um Klerikalismus, sondern um ausreichende pastorale Begleitung und Befähigung der Laien.

Die katholische Lehre

Diese Basisinformationen zur Lehre der Kirche erstellte Bernhard Körner, Priester und Dogmatiker an der Uni Graz (gekürzt).

Stellung der Laien: Durch die Taufe und Firmung wird man Mitglied des Volkes Gottes. Priester haben die Auf-gabe, diese Laien im Christsein zu unterstützen. Durch die Weihe werden die Priester befähigt, diese Aufgabe im Namen Jesu wahrzunehmen und eine Leitungsfunktion in der Pfarre auszuüben. Höhepunkt ist die Feier der Eucharistie, in der die Predigt Aufgabe des Priesters ist.

Ortskriche:In jeder Diözese spiegelt sich die Weltkirche wider. Daher muss es auch Einheit zwischen Papst und Ortsbischof geben. Die Befugnisse der Ortskirche können unterschiedlich weit reichen. Zuletzt wurden einige Aufgaben wieder von Rom übernommen, da offensichtlich die Sorge besteht, dass die Einheit der Kirche zerbrechen könnte, wenn die Ortskirchen zu eigenständige Wege gehen.

Wiederverheiratete Geschiedene Die Kirche schließt niemanden aufgrund von Scheidung oder Wiederverheiratung aus. Grundsätzlich (nicht nur bei Geschiedenen und Wiederverheirateten) gilt: Wenn jemand auf schwere Weise schuldig geworden ist, muss er vor Empfang der Kommunion das Bußsakrament empfangen. Was die Ehe betrifft, sieht sich die Kirche dem Wort Jesu verpflichtet: "Was Gott verbunden hat, darf der Mensch nicht trennen." Daher versucht die Kirche, Ehe und Familie zu schützen und alle zu unterstützen, die eine Ehe eingehen. Wenn jemand eine zweite Ehe eingeht, steht das im objektiven Widerspruch zur Treue dem ersten Ehepartner gegenüber. Will man dem konkreten Menschen gerecht werden, braucht es ein Gespräch mit Erfahrenen in der Seelsorge im sogenannten Gewissensbereich. Dabei können sich unerwartete Möglichkeiten ergeben.

Zölibat: Das Judentum kennt im Allgemeinen keine Ehelosigkeit. Jesus hat dagegen die ehelose Lebensform gewählt. Darum gibt es praktisch von Anfang an auch die Nachfolge Jesu in der Ehelosigkeit. Das Zweite Vatikanische Konzil stellt fest, dass die ehelose Lebensform dem priesterlichen Dienst angemessen ist. Warum? Weil der Priester aufgrund der Weihe für Christus steht. Die ehelose Lebensform hat sich in der Geschichte - bei allen Problemen - auch als geistlich fruchtbar erwiesen.

Gehorsam: Der Gehorsam gehört im Evangelium zu den Schlüsselbegriffen. Jesus war Gott, seinem Vater, gehorsam. Das ist der Gehorsam, zu dem auch Christen verpflichtet sind. Recht praktizierter Gehorsam bedeutet daher nicht Entmündigung, sondern einen Weg zur Treue zu Jesus Christus.

Stellung der Frau In seinem Apostolischen Schreiben stellt Papst Johannes Paul II. fest, dass sich die Kirche angesichts der eindeutigen Tradition nicht berechtigt fühlt, Frauen zur Priesterweihe zuzulassen. Frauen sind in der katholischen Kirche nie zu Priesterinnen geweiht worden, darin erkennt der Papst eine für die Kirche verbindliche Ordnung. Abgesehen davon tritt der Papst aber dafür ein, dass die Bedeutung der Frauen für die Kirche deutlicher gesehen und anerkannt wird - hier ist noch viel zu tun, auch wenn viele Frauen ehrenamtlich und hauptamtlich - auch in leitenden Funktionen - das Leben der Kirche tragen.

Wo sehen Sie die größten Herausforderungen in Ihrer Pfarre? GLETTLER: Eine sehr hohe Fluktuation in der Pfarrbevölkerung macht die pastorale Arbeit nicht leichter. Viele Singles oder junge Paare wohnen nur vorübergehend in unserem Stadtteil. Wir müssen auch deshalb neue Wege der Seelsorge mit neuen Kommunikationsformen ausprobieren.

Die Initiative fordert eine Predigterlaubnis für Theologen.

GLETTLER: Es gibt viele Formen von Verkündigung, nicht nur die Predigt. Es braucht heute mehr Kreativität, damit die Botschaft Jesu bei den Leuten ankommen kann.

Wo sehen Sie sich als Pfarrer am meisten gefordert? WILFING: Seelsorglich sind es die Zugezogenen. Viele haben ihre sozialen Kontakte weiterhin in Graz. Zugezogene bringen aber oft auch Neues ein, auf der anderen Seite gibt es in der Pfarre natürlich viel Traditionelles.

Wo kann man andocken? WILFING: Unser Pfarrzentrum steht vielen Menschen offen. Und wir müssen hinausgehen: Dorthin, wo Menschen feiern, sich treffen, miteinander reden. Ich sage immer, es gibt mehrere Kirchplätze: den vor dem Gotteshaus, aber auch das Gasthaus oder die Bank. Dort werde ich immer wieder auf Religion und Kirche angesprochen.

Wollen eigentlich auch Ausgetretene Taufpaten werden? GLETTLER: Der Wunsch wird oft an uns herangetragen. Aber es ist ein Widerspruch in sich und deshalb nicht möglich: Wer die Kirche verlassen hat, kann nicht ein Kind in diese Gemeinschaft hineinbegleiten. Vielleicht ist es ein Anlass, an einen Kircheneintritt zu denken.

Gibt es in Ihrer Pfarre auch ein Begräbnis für Ausgetretene? GLETTLER: Ja, wenn die Verwandten das wollen und sich der Verstorbene nicht dagegen ausgesprochen hat. WILFING: Ich denke, dass es dabei vor allem um die Begleitung der Hinterbliebenen geht.

Haben Sie sonst Kontakt zu Ausgetretenen? WILFING: Immer wieder. Oft geht es darum, Dinge gerade zu rücken: Die Kirche will niemanden bestrafen, der ausgetreten ist und deshalb nicht Pate werden kann. Wir nehmen nur seine Entscheidung ernst. GLETTLER: Meist verabschieden sich Menschen von der Kirche lautlos, weil sie den inneren Bezug verloren haben. Aber es gibt auch eine neue Nachfrage nach Gott. Diesen Suchenden müssen wir Türen öffnen.

Warum brauchen wir Gott noch? Es gibt ja Versicherungen. GLETTLER: Jeder Mensch hat biografische Bruchstellen, wie etwa Verlust einer Arbeitsstelle, Krankheit oder Bruch einer Beziehung. Das verunsichert. In so einer Lebensphase fragen viele wieder nach einem ausreichenden Lebensgrund und oftmals auch nach Gott. Der Königsweg zu Gott ist aber die Dankbarkeit für das Leben.

Stichwort Bruchstelle: Geht die Kirche richtig mit dem Scheitern der Menschen um? GLETTLER: Die Tatsache, dass viele Ehen in die Brüche gehen, ist zuerst ein menschliches und gesellschaftliches Problem, das wir nicht unterschätzen sollten. Die Frage eines möglichen Kommunionempfangs für Wiederverheiratete ändert vorerst daran nichts. Seitens der Kirche wird in jedem Fall den Betroffenen Begleitung angeboten. Verständnis für die oft schwierigen Situationen ist notwendig. Und die Ehe ist und bleibt ein kostbares, wenn auch zerbrechliches Gut.

Wäre auch das orthodoxe Konzept denkbar, bei dem die zweite Eheschließung eine Bußfeier beinhaltet? GLETTLER: Das ist denkbar. Wir haben aber auch in unserer Kirche eine Praxis entwickelt, die von den meisten Pfarrern mitgetragen wird. Einige, die in einer zweiten Partnerschaft leben, gehen bewusst nicht zur Kommunion. Sie machen mit diesem Verzicht deutlich, dass es in ihrer ursprünglichen Lebensentscheidung einen Bruch gegeben hat. Andere gehen nach einem seelsorglichen Gespräch mit dem Pfarrer wieder zur Kommunion. Für sie ist die eucharistische Kommunion eine wichtige Hilfe für den Alltag. Eine voraussetzungslose Zulassung zur Kommunion halte ich nicht für sinnvoll. Vom Mitfeiern der Eucharistie ist jedoch niemand ausgeschlossen. WILFING: Die Kommunion als Begegnung mit Jesus ist nicht Belohnung für das Bravsein, sondern Kraft und Ermutigung für den Menschen in schweren Zeiten.

INTERVIEW: MONIKA SCHACHNER

Kommentar

MONIKA SCHACHNERIm Schnellgang von MONIKA SCHACHNER

Die Diskutanten

Josef Wilfing ist Pfarrer von Hausmannstätten (Bezirk Graz-Umgebung). Er gehört dem Vorstand der österreichweit agierenden Pfarrer-Initiative an.

Hermann Glettler ist Pfarrer im Pfarrverband Graz-St. Andrä/Karlau. Das Pfarrgebiet erstreckt sich über weite Teile des Bezirkes Gries. Er ist bekannt für sein Sozial- und Kunstengagement.

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