Der Lobbyist für die "hässlichen Armen"
Sein VinziDorf feiert 15. Geburtstag. Pfarrer Wolfgang Pucher über einen Diebstahl, den er nie bereut hat, und seine Eintrittskarte in den Himmel.

Foto © APWolfgang Pucher
Man hört es nicht gerne, aber auch ein Gottesmann ist nicht perfekt. "Natürlich nicht", sagt Wolfgang Pucher, Armen-Pfarrer in Graz. "Zuallererst bin ich Mensch, dann Christ und erst dann Pfarrer. Und Menschen haben eben Fehler." Puchers Schwächen: Er ist jähzornig und nachtragend. "Ich kann mit meinen Fehlern leben. Gott hat mich auch so für sich ausgesucht." Und Gott wird es ihm wohl verzeihen, denn was der bald Siebzigjährige geleistet hat, reicht für mehrere Leben. Höhepunkt: Das von ihm initiierte VinziDorf – ein Containerdorf für Obdachlose – feiert 15. Geburtstag.
Ärmliche Verhältnisse. Pucher ist selbst in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen, ab dem zehnten Lebensjahr war klar:
"Ich werde Priester." Die Eltern – der Vater Schuster, die Mutter Schneiderin – schickten ihn 1949 ins Internat nach Graz. Während die meisten Kinder eine Jause hatten, blieb für ihn nur eine Einbrennsuppe mit trockenem Brot zum Frühstück. Für einen im Wachstum befindlichen Burschen "ein starkes Stück. Ich hab? mich in der Pause in den Speisesaal geschlichen und Brot gestohlen." Diebstahl? "Ja, aber nie bereut. Das war Mundraub."
Ausgebildeter Seelsorger. Als ausgebildeten Seelsorger verschlug es ihn 1969 für vier Jahre nach Istanbul. Dort war Pucher Prokurist der Österreichischen Schule und Leiter des Internats, in dem 80 muslimische Buben waren. Noch heute spricht er Türkisch, mit den vielen ehemaligen Zöglingen verbindet ihn immer noch eine Freundschaft. In Graz machte er das erste Mal 1978 öffentlich auf sich aufmerksam. Da gelang es ihm, die Heßgasse aus dem Stadtbild zu streichen. "In dieser Gasse waren nur vier Delogiertenhäuser. Es war die Vorhölle. Sobald du gesagt hast, du wohnst in der Heßgasse, warst du sofort abgestempelt." Pucher musste dicke Bretter bohren, spannte Politik, Beamte und Polizei für sich ein und hatte Erfolg – die Heßgasse ist Geschichte, das abgehängte Straßenschild seitdem in seinem Büro.
"Hässliche Armut". Das war seine Initialzündung, seitdem mischt er sich regelmäßig in Graz ein. Er ist es, der den Bettlern aus Hostice ein Dach über dem Kopf gibt. Er ist es, der Obdachlose auch als Alkoholiker akzeptiert und ihnen so ein Stück Würde zurückgegeben hat. Es ist die "hässliche Armut, die mich anzieht. Diese Leute haben niemanden sonst."
Imperium der Nächstenliebe. Mittlerweile sind die Vinziwerke zu einem Imperium der Nächstenliebe angewachsen: 15 Projekte hat Pucher ins Leben gerufen, vom VinziDorf über den VinziBus, den VinziMarkt bis hin zur VinziPasta in Hostice selbst. Wenn ihn Gott zu sich rufen wird, nimmt er eines mit: "Das Straßenschild der Heßgasse nehm? ich mit ins Grab. Wenn mir der Herrgott die Leviten liest – da wird er eh länger brauchen –, kann ich zumindest das Schild vorweisen. Vielleicht ist es meine Eintrittskarte in den Himmel."
Features
Zur Person
Wolfgang Pucher wurde am 30. März 1939 in Hausmannstätten bei Graz geboren. Die Mutter war Schneiderin, der Vater Schuster, der aber 1943 im Krieg fiel. Pucher hat zwei Geschwister. 1963 wurde er zum Priester geweiht, 1969 bis 1973 wirkte er am St.-Georgs-Kolleg in Istanbul. Seit 1973 ist er Pfarrer in Graz-St. Vinzenz. 1991 richtete er den VinziBus ein – das erste Vinziwerk.
Die Vinziwerke
Am Anfang stand der VinziBus, der seit 1991 Abendbrot und Tee an Arme verteilt. Das VinziNest wurde nach dem Jugoslawienkrieg 1992 gegründet, 1993 folgte das VinziDorf. Seit 2000 folgten VinziHaus, Med, Tel, Shop, Markt, Help, Schutz. Auch in Hostice, der slowakischen Heimat der Bettler, wurden mit VinziDom und Pasta zwei Projekte realisiert.
Spendenkonto
Spenden an die Vinzenz- gemeinschaft Eggenberg, Kontonummer: 02200406888, BLZ: 20815








