Der Herr der Entschleunigung
Oscar-Kandidat Götz Spielmann inszeniert sein Stück "Imperium" am Grazer Schauspielhaus. - Notizen von einer Probe.

Foto © APARuhe beim Denken
Man merkt, dass Götz Spielmann vom Film kommt. Anhand einer kleinen Szene, in welcher Peter Simonischek auf einem Massagetisch liegt, Steffi Krautz ihn bearbeitet und Verena Lercher einen knapp 60-sekündigen Auftritt hat. Und eine Katze zweimal miaut.
Mit äußerster Präzision weist er an, wann die Lercher erscheinen soll, wie sie die Katze streicheln und wann sie wie und wohin abgehen soll. Und dass der Simonischek vor seinem letzten Satz keine Pause machen soll. - Die meisten dieser Wünsche könnte sich der Film-Regisseur Spielmann auch später am Schneidetisch erfüllen. Doch im Theater gibt es keine Post-Production, nur Jetztzeit. Hier will das Timing, die Zeiteinteilung, sofort getaktet sein.
Zwiti Darin, so sagt er, liege für ihn auch der große Reiz, wieder Bühnenregie zu führen: "Beim Drehen erarbeitet jeden Tag ein Ergebnis, am Theater ist es so, dass man sich über Wochen hinweg einem Ergebnis nähert".
Seit Wochen nähern sich Spielmann und seine hochkarätige Truppe in eher dunklen Probenbereichen des Grazer Schauspielhauses einem Ergebnis. Voriges Jahr um etwa diese Zeit standen Spielmann und seine Schauspieler Ursula Strauss und Johannes Krisch im gleißenden Licht Hollywoods: "Revanche" hatte es bis zur Oscar-Verleihung geschafft. Nach dem österreichischen Sieg im Jahr zuvor war das allein schon eine Sensation.
Wie kann an einem Oscar-Finalisten ein Jahr verstreichen, ohne dass er einen neuen Film gedreht hätte und warum werkt er stattdessen an einer - wiewohl herausragenden - Landesbühne? "Frau Badora hat mir angeboten, mein Stück ,Imperium' mit Peter Simonischek in der Hauptrolle in Graz zu inszenieren und ich habe mit Freuden zugesagt", meint Spielmann.
Ja, er habe nach der Oscar-Nominierung eine Menge Drehbücher bekommen, erzählt er, "die meisten aus den USA". Aber keines habe ihn zu einer Verfilmung gereizt. Immerhin: Ein neuer Spiel(-Mann)-Film sei im nächsten Jahr zu erwarten.
"Er probt wahnsinnig genau und nützt jede zur Verfügung stehende Minute", sagt Peter Simonischek. In seiner zweiten Gastrolle an seinem Start-Haus spielt der Burg-Star einen alternden Rotlicht-Baron, dessen Leben nach einer lebensbedrohenden Diagnose zusehends aus den gewohnten Bahnen gerät und der sich plötzlich mit sich selbst beschäftigen muss.
Zwiti Mag sein, dass Götz Spielmann Timing wichtig ist, Tempo ist es nicht: Obwohl er bereits für seinen Kino-Erstling "Vergiss Sneider" im renommierten Ophüls-Bewerb 1988 einen Preis errang, hat er in den darauf folgenden zwanzig Jahren nur sechs weitere
Spielfilme gefertigt. Und fast ebenso viele Preise errungen. Unvergesslich auch seine Schnitzler-TV-Version von "Spiel im Morgengrauen" aus 2001.
Aber welches soll man von einem erwarten, der das Gehen als liebste Entspannung und Denkbasis bezeichnet. Beim letzten Mal, im Waldviertel, sei er leider nur kurz unterwegs gewesen. Nur zehn Tage. - Dieser Mann ist die gelebte Entschleunigung.
Bei den Theaterproben spricht Götz Spielmann sehr leise im Ton und ruhig im Ausdruck. Nur einmal, als es wiedereinmal ums Timing geht, wird er der dunklen Glut seiner Augen akustisch gerecht: "Ruhig!!" brüllt er fast, "ich muss nachdenken!". - Allgemeines Verstummen. Spielmann gibt ein paar zusätzliche Anweisungen, die Szene wird noch einmal gespielt. Und da ist plötzlich wieder dieser Samt in der Stimme als er sagt: "Okay, ich glaub´, das ist ein gutes Timing".
Features
Fakten
Zur Person Götz Spielmann, geboren am 11. Jänner 1961 in Wels.
Studium: Filmakademie in Wien.
Filmdebüt: 1988 Vergiss Sneider!
Weitere Filme: Erwin und Julia, Antares, Revanche. TV: Angst vor der Idylle, Spiel im Morgengrauen.
Auszeichnungen: Neuberg-Preis, Großer, Diagonale-Preis, Oscar-Nominierung 2009 u. a.












