StadtspaziergangDer Grazer Grieskai: Wo gute Mächte sichtbar werden

Warum der Grieskai gerade im November die ultimative Pflichtroute für historisch sensible Spaziergänger ist.

Christian Weniger mit Hund Paula unterwegs am Grazer Grieskai. © Karl Kubinzky, Jürgen Fuchs
 

Streng genommen zählt der Grieskai zu den noblen Adressen von Graz. Sicherlich von den Besuchern her gesehen. Denn während nach der Hauptbrücke rechts der Lendkai über das Kunsthaus hinaus nach Norden führt, wird links der die Mur in den Süden begleitende Grieskai quasi als Polonaise von zwei feinen Hotels eröffnet. In deren Gästebuch aus glänzender Vergangenheit reihen sich die Namen berühmter Künstler und Politiker aus allen möglichen Ländern. Als noch einigermaßen junger Reporter lauerte ich dort auf Arnold Schwarzenegger, der immer schon gerne im Wiesler logierte. Als der Dalai Lama 1995 erstmals Graz besuchte, wurde das damalige Grand Hotel zu einer streng bewachten Festung, in der wir im Foyer die Nacht durchwachenden Journalisten uns bemühten, wenigstens ein kurzes Interview mit dem Gast zu erhaschen.

Im 19. Jahrhundert war diese Gegend um das befestigte Murufer ursprünglicher, erzählt Stadthistoriker Karl A. Kubinzky. Hier war der Hauptanlegeplatz der Flößer, die mit ihren zusammengebundenen Baumstämmen die Mur befuhren. Der heilige Nikolaus war ihr Patron, der im Kai eingefügte Nikolaiplatz mit seinem Monument zeugt heute noch davon. Und früher hieß dieser Grieskai auch Nikolaikai. Und dass dieser vielfältige Nikolaus mit seinem stets gefüllten Gabensack auch Schutzherr der steirischen Wirtschaftsförderung und des Wirtschaftsreferats ist, die am Nikolaiplatz dort ihren Sitz haben, wo früher ein Großhandel für Kolonialwaren war, soll nur ein Gerücht sein.

Stadtspaziergang: Unterwegs am Grazer Grieskai

Wie sich seinerzeit ein Zeichner die Schifffahrt auf der Mur vorstellte.

Karl A Kubinzky

Ein Blick in den Kai

Karl A Kubinzky

1827 riss ein Hochwasser den Gries- wie auch den Lendkai weg.

Karl A Kubinzky

In der Ersten Republik wurde durch den Grieskai eine Hochspannungsleitung auf wuchtigen Masten gezogen, die Reste blieben bis in die 50er-Jahre.

Karl A Kubinzky

Eingebrochen - die alte Holzbrücke über die Mur auf Höhe des Hotels Weitzer.

Karl A Kubinzky

Liebesschlösser auf der Hauptbrücke.

Karl A Kubinzky

Die Franz-Karl-Brücke, von der nur einige Reste erhalten blieben, aber keine Vewendung mehr fanden. Die Statuen Styria und Austria fanden ihre neue Bleibe im Stadtpark.

Karl A Kubinzky

Grieskai als Marktstraße mit vor allem Fischständen.

Karl A Kubinzky

Erste Ansätze eines Murkraftwerkes.

Karl A Kubinzky

Idylle am Kai.

Karl A Kubinzky

Das alte Grand Hotel Wiesler.

Karl A Kubinzky

Seinerzeit.

Karl A Kubinzky

Die alte Synagoge, errichtet zwischen 1890 und 1892. Von den Nazi-Horden, angeführt von Bürgermeister Julius Kaspar, wurde sie im Zuge der Reichspogromnacht angezündet.

Karl A Kubinzky

Ansicht von der alten Hauptbrücke.

Karl A Kubinzky

Der Dampfer Styria, einer der beiden Murdampfer, rammte nach einem Maschinenschaden am 12. Mai 1889 einen Pfeiler der Radetzkybrücke, wurde in zwei Teile gespalten und ging mit den an Bord befindlichen Passagieren und der Besatzungsmannschaft unter. Sieben Personen starben.

Karl A Kubinzky

Hochspannungsmasten vor dem alten Grand Hotel Wiesler.

Karl A Kubinzky

Grieskai Nummer 16: Haus mit spätbiedermeierlicher Fassade

Jürgen Fuchs

Das Wiesler, mittlerweile kein Grand Hotel mehr.

Jürgen Fuchs

Seitlich die Erinnerung an die Zeit, als man noch ein Fünfstern-Haus sein wollte und war.

Jürgen Fuchs

Das neuzeitliche Hotel Wiesler.

Jürgen Fuchs

Grieskai Nummer 44: Späthistorisches Eckhaus, 1909 erbaut, das Dachgeschoß wurde ausgebaut.

Jürgen Fuchs

Das Hotel Engel, danach Hotel Goldener Engel, schließlich wurde daraus das Grand Hotel Wiesler

Karl A. Kubinzky

Grieskai - der frühere Speckmarktplatz.

Jürgen Fuchs

Das neue Bezirksgericht Graz-West.

Jürgen Fuchs

Das neue Bezirksgericht Graz-West.

Jürgen Fuchs

Die Generalsmusikdirektion - Veranstaltungshalle.

Jürgen Fuchs

Übergang in die Moderne: Heutiger Wohnbau am Grieskai

Jürgen Fuchs

Die neue Mittelschule "Albert Schweitzer".

Jürgen Fuchs

Die sogenannten "Nürnbergerhäuser" - mit denen Gries- und Lendkai reichlich ausgestattet wurden.

Jürgen Fuchs

Die neue Synagoge, für deren Bau gut 9600 Ziegel aus der alten, von den Nazis im Zuge der Pogromnacht am 9. November 1938 angezündeten Synagoge verwendet wurden. Am 9. November 2000 wurde die neue Synagoge in Anwesenheit von Bundespräsident Thomas Klestil der jüdischen Gemeinde übergeben. Der kleine Vorplatz erhielt den Namen David Herzog-Platz. Benannt nach David Herzog, dem Historiker und Landesrabbiner für Steiermark und Kärnten (1907 berufen, nach dem Anschluss Österreichs an Nazi-Deutschland festgenommen, emigrierte er mit seiner Frau über Wien, die Niederlande nach England).

Jürgen Fuchs

Grieskai 54: Späthistoristisches Wohnhaus, 1894 erbaut.

 

Jürgen Fuchs

Grieskai 52: Repräsentatives Wohnhaus im Stil des späten Historismus, mit reicher Neorokokodekoration. 1895 erbaut.

Jürgen Fuchs

Grieskai 48: Späthistoristisches Wohnhaus, 1890 errichtet.

Jürgen Fuchs

Grieskai 46: Späthistoristisches Wohnhaus, fast symetrisch gestaltet mit dem Haus Nummer 44. 1909 erbaut.

Jürgen Fuchs

Grieskai 40: Gemeinsam mit Nachbarhaus Nummer 38 als Wohnhausgruppe mit altdeutscher bzw. neogotischer Fassadengestaltung. 1909 errichtet.

 

Jürgen Fuchs

Beschreibung siehe Grieskai 40.

Jürgen Fuchs

Nikolaiplatz.

Jürgen Fuchs
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Zurück zu einst, als die Hauptbrücke Franz-Karl-Brücke hieß, geziert von schweren eisernen Seitenteilen mit kunstvollen Ornamenten, wuchtigen Kandelabern und gekrönt von den heute im Stadtpark geparkten Figuren Austria und Styria. Zurück zu einst, als zwischen dieser Brücke und der Igelgasse noch der Fischplatz lag, als Verkaufsstände den Kai säumten. Das aus fünf Gasthöfen gezimmerte Bieler, mit seiner Jugendstilverbrämung und dem berühmten Glasmosaik, war das „Hotel Engel“, dann „Goldener Engel“. Das Hotel Weitzer hieß „Hotel Florian“, erzählt Kubinzky. Das Schlendern mit Hündchen Paula durch diesen herbstlichen Kai scheint zu einem Geruchserlebnis zu werden. Eine frische Brise von der Mur kommend vermischt sich mit dem modrigen Duft von zerfallendem Laub und vermählt sich mit einem leise an Mottenkugeln erinnernden Hauch, als ob er aus den soliden Mauern der Häuser im so urdeutsch wirkenden historistischen Nürnberger Stil entweichen würde.

 

Ansicht aus alten Tagen, als noch Marktstände den Grieskai säumten. Foto © Karl Kubinzky

In seinem Auslauf erfährt der Grieskai eine Verjüngung, mit neuen Wohnbauten, mit dem Veranstaltungslokal, das als Generalmusikdirektion jüngerem und auch nicht mehr ganz so jungem Publikum zum Begriff geworden ist, sowie dem neuen Gerichtszentrum.

Am Grieskai finden sich auch Häuser im sogenannten Nürnberger Stil. Foto © (c) Juergen Fuchs (FUCHS Juergen)

Der historische bedeutsamste Ort, einer der zum Innehalten, zum stillen Verweilen, zu längerem Nachdenken einlädt, findet sich in der Kai-Mitte - die neue Synagoge. Errichtet dort, wo die alte stand. Diese wurde am 9. November 1938 im Zuge des Novemberpogroms von zum braunen Mob gewordenen Bürgern mit Bürgermeister Julius Kaspar an der Spitze in Brand gesteckt. Zum Teil aus den alten Ziegeln errichtet, wurde die neue Synagoge am 9. November 2000 an die jüdische Gemeinde übergeben. Der Tempel steht da wie ein Symbol der Überwindung des Bösen und ein Sieg des Guten. Und kündet, dass hier am Grieskai doch die guten Mächte wirkten. Ein Spaziergang, der der Seele guttut.

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