Denkspiele um Tarnung und Licht
Seit genau 20 Jahren stehen in Loipersdorf 15 bunte Radarkästen. Erdacht hat das Kunstprojekt der Grazer Michael Schuster.

Foto © Marija KanizajMichael Schuster in Loipersdorf: Nach 20 Jahren sorgen die Kästen noch immer für Bremsmanöver
Mittendrin: ein Kuckucksei. Ein grauer Radarapparat, der scharf schießt. Den braucht es hier als Allerletztes, mitten in Loipersdorf. Seit 20 Jahren prägen 15 bunte Radarkästen die drei Ortschaften der oststeirischen Gemeinde. "Sie sehen gut aus und beruhigen den Verkehr", freut sich Bürgermeister Herbert Spirk noch immer. Gesprächsthema sind sie auch nach wie vor; und kaum ein Autofahrer mag probieren, ob einer der farbenfrohen Kästen an den Straßen von Loipersdorf, Gillersdorf, Dietersdorf nicht doch geladen ist. Allerdings: Der Grazer Künstler Michael Schuster hat hier noch keinen geblitzt. Seinem Atelier entstammt die Installation "Razzle Dazzle", anno 1992 als Siegerprojekt eines "Kunst am Bau"-Wettbewerbs errichtet.
Razzle Dazzle heißt Durcheinander, auch: Täuschungsmanöver. Schuster bezog sich auf die Tarnanstriche britischer Kriegsschiffe im Ersten Weltkrieg: Vor Erfindung des Radars sollten komplexe geometrische Muster Größe, Richtung und Geschwindigkeit der Schiffe verhüllen. In Loipersdorf täuscht bunter Autolack nicht über die verdächtige Form der Objekte hinweg, zeigen Bremsspuren. Vielmehr enthüllt das hintergründige Spiel mit Radar, Form, Tarnung Schusters künstlerische Herangehensweise.
Licht als Material
20 Jahre später: Schusters Materialien haben sich geändert, nicht aber die Lust am öffentlichen Raum, das feine Referenznetz, das er um seine Arbeiten knüpft. Unter den Materialien spielt nun das Licht eine wichtige Rolle. Schrift wird zur Skulptur, bewusst banale Floskeln werden zum Denkanstoß - kein Zufall, dass ausgerechnet auf der Fassade des Weizer Energie Innovations Zentrums in riesigen Lettern der Schriftzug "Mit der Bitte um Kenntnisnahme" prangt.
2012 war ein produktives Jahr für Schuster. Er hat in Klagenfurt eine Sonnenuhr über eine Wohnhausfassade gelegt. Vor dem LKH Knittelfeld sorgte ein Werk für öffentliches Gerangel, weil Teile der Belegschaft in dem leuchtenden Schriftzug "Alles wird gut" nicht einen Vorschlag zur Meditation über das Wesen des Trosts sehen mochten, sondern die Installation als medizinisches Versprechen missverstehen wollten.
Vor allem aber konstruiert Schuster - etwa aus Spiegeln, Glas, LED-Elementen und komplexen elektrischen Schaltungen - Objekte, die den Blick in Abgründe aus Licht lenken. Den Besitzer der Schweizer Warenhauskette Manor hat das auf der Kunstmesse Art Basel derart bezaubert, dass er sich heuer eine zwölf Meter hohe Installation für seine Firmenzentrale bauen ließ: "Kunst ist auch Horizonterweiterung", sagt Bertrand Jungo; soll inspirierend, verständlich, zugänglich sein, "sodass die Leute diskutieren können, was sie erreicht und was nicht". Das tun sie ja in Basel genauso gern wie in Loipersdorf. UTE BAUMHACKL

















