Mut, Neugier und stete Offenheit
Maria Lassnig, 93, ist eine der bedeutendsten Künstlerinnen der Welt. Das zeigt auch eine Schau, deren Bilder fast ausschließlich aus Lassnigs eigenem Depot stammen.

Foto © UMJ/NICOLAS LACKNER "Dreifaches Selbstporträt/New Self" malte Maria Lassnig 1972 in New York; "Kleines Sciencefiction-Selbstporträt" (rechts) entstand 1995, "Körperteilung" (unten) bereits 1960 in Wien
"Selbstporträt expressiv" ist das älteste Exponat in der Ausstellung "Maria Lassnig. Der Ort der Bilder". Auf einer Holzfaserplatte sieht die Künstlerin sich und dem Betrachter in die Augen. Die Kohlezeichnung von Oberkörper und Kopf ist teilweise mit Ölfarbe ausgearbeitet. In Farbtönen, die sich in jüngsten Bildern wiederfinden.
Der voreilige Schluss, Maria Lassnigs Werk sei über sieben Jahrzehnte hindurch gleich geblieben, wird von der Ausstellung fulminant widerlegt. Die hier vereinten Bilder machen zwar Konstanten sichtbar, viel mehr aber noch eine über diesen Konstanten entwickelte Vielfältigkeit. Der Körper als "Gehäuse und gleichzeitig als Grenze oder Bruchstelle zur Außenwelt" (wie in einem "Maria Lassnig ABC" zu lesen) ist fraglos eine dieser Konstanten. Wobei dieses Körpergefühl eben ein höchst differenziertes ist. Lassnig: "Wo fängt es an, wo hört es auf, welche Form hat es - rund, eckig, spitzig, gezackt?"
Vielfalt, wie gesagt, ist angesagt. Sie wird mit Bildern sichtbar gemacht, die beinahe ausschließlich aus den eigenen Beständen der mittlerweile 93-Jährigen kommen. Kurator Günther Holler-Schuster: "Nachdem wir gehört hatten, dass Lassnig eine eigene Kollektion von spezieller Güte hat, war unser Ehrgeiz geweckt." Es sei nicht immer leicht gewesen, die Malerin von Leihgaben zu überzeugen: "Sie ist äußerst selbstkritisch." Noch aus der fertigen Ausstellung habe sie Bilder mit einem trockenen "Das is' nix" entfernen lassen.
Dynamik
Tatsächlich bildet die Schau mit vielen noch niemals ausgestellten Werken Lassnigs ?uvre kompakt ab. Vom erwähnten Selbstbildnis bis zu Gemälden aus dem Vorjahr. Mit Arbeiten aus den 1950er-Jahren, vergleichbar den Schwarzweiß-Kompositionen von Ellsworth Kellys. Mit Bildern von gestischer Dynamik und radikal reduzierten Figurationen, welche das reiche Werk der 1960er-Jahre vorbereiten. Markante Beispiele aus den folgenden Jahrzehnten belegen Neugier und Offenheit, den Mut, sich auch im reiferen Alter der eigenen Kunst auszusetzen.
In einem im Katalog nachzulesenden Gespräch zwischen Autor Oswald Wiener und Kunsthistorikerin Silvia Eiblmayr, bringt Letztere eine wesentliche Qualität Lassnigs auf den Punkt: "Die Stärke, mit der sie auch ihre Schwächen thematisieren kann."
Die Grazer Neue Galerie wolle in Sachen Maria Lassnig ein Kompetenzzentrum werden, "ähnlich wie bei Günter Brus", verkündete Joanneum-Intendant Peter Pakesch. So entstehe derzeit in Graz das erste Lassnig-Werkverzeichnis. Die steirische Hauptstadt sei für die Künstlerin immer wichtig gewesen: "Wilfried Skreiner machte eine der ersten Museumsausstellungen."
Fix ist, dass die wirklich exzellente Schau in die Hamburger Deichtorhallen weiter wandern wird. Ein belgisches Museum und Museen in New York und St. Louis sind an einer Übernahme ebenfalls interessiert.
Maria Lassnig. Der Ort der Bilder. Bis 28. April 2013. Neue Galerie Graz, Joanneumsviertel. www.museum-joanneum.at
Features
Fakten
Maria Lassnig, geboren am 8. September 1919 in Kappel am Krappfeld, Kärnten.
1941 Studium an der Akademie der bildenden Künste Wien, Kontakte zur Galerie nächst St. Stephan und Wiener Gruppe.
1961 Übersiedlung nach Paris,
1968 nach New York.
1980 Rückkehr nach Wien, Professur an der "Angewandten"; mit Valie Export bei der Biennale Venedig.
1982, 1997 "documenta" Kassel.
Lebt in Wien.















