Berauschendes Antialkoholmusical
Saufen, singen und spucken: musikalische Moritaten mit TiB und stadttheater.tv.

Foto © KKPointen, Politik und Promille: "Wie fünf Mädchen im Branntwein jämmerlich umkommen"
GRAZ. Statt "Summer Wine" wird Blütenschnaps gesoffen, das aber in rauen Mengen: "wenigstens einen Schoppen Branntwein" - also einen halben Liter - habe jede der Frauen täglich getrunken, berichtete Jeremias Gotthelf 1838 über fünf Alkoholikerinnen. Die Schicksale von Stüdeli, Bäbi, Marei, Lisabeth und Liseli sind noch schauriger, als es die Moralkeule in der von Alkoholsucht geprägten ländlichen Schweiz des 19. Jahrhunderts erfordern hätte können: Die Erste erfriert, die Zweite erleidet einen Blutsturz, die Dritte ertrinkt mit dem Kopf im Kochtopf, die Vierte vegetiert als untote Schnapsleiche weiter, die Fünfte kommt im Feuer um.
Besoffen und bissig
Gotthelfs Moritat ist Ausgangspunkt für ein bitterböses, ländliches Musical der Züricher Radikaltheatermacher stadttheater.tv (vormals 400asa) mit dem Grazer Theater im Bahnhof. Die brav (Ex-Miss Schweiz Nadine Vinzens) bis brillant (Beatrix Brunschko, Meret Hottinger) agierenden Schnapsdrosseln trällern nicht nur berauscht berauschende Lieder über das Saufen, das Leiden und das Kotzen ("Ich spuck in den offenen Mund eines neuen Tages") zu Musik von Gershwin, Hazlewood oder den Dead Kennedys, sie schaukeln sich auch zu bissigen Kommentaren zur freien Szene, Christoph Blocher oder der Graz-Wahl auf oder quälen ihren Praktikanten Nikolai. Hundertprozentig hochprozentig gelungen.
"Wie fünf Mädchen ...". Noch am Samstag, 20 Uhr, Theater im Bahnhof, Elisabethgasse 27a, Graz. Tel. (0316) 76 36 20














