Täglich turnen: Lehrer fragen sich, wie
Mehr als 70.000 haben die Kampagne für die tägliche Turnstunde unterschrieben. Doch jetzt melden sich Lehrer von der "Front" mit Skepsis: Angesichts der Zustände sei das unrealistisch.

Foto © Sabine Hoffmann
Die Kampagne der Bundes-Sportorganisation (BSO) für die tägliche Turnstunde nimmt Fahrt auf. Diese Woche trat BSO-Präsident Peter Wittmann unter anderen mit Ex-Tennis-Star Alex Antonitsch und ÖSV-Präsident Peter Schröcksnadel auf, um bereits 70.000 Unterschriften für das Anliegen zu präsentieren. In der steirischen Landespolitik rennen die prominenten Sportler und Funktionäre offene Türen ein. Zuletzt stimmten alle Landesparteien dem FP-Antrag zu, der Bund solle die tägliche Turnstunde ermöglichen.
"Huhn in Bodenhaltung"
Doch im Gespräch mit der Kleinen Zeitung machen nun Lehrer ihrem Ärger Luft: nicht, weil sie gegen mehr Bewegung an Schulen sind, sondern weil sie das tägliche Turnen für schlicht unrealisierbar halten. Die Grazer Volksschullehrerin Claudia Erlacher erzählt - stellvertretend für viele Pädagogen - aus der Praxis: "Nicht jede Schule hat einen Turnsaal. Wir haben zwar einen, der ist aber schon jetzt täglich von 8 bis 14 Uhr besetzt. Und Klassenräume sind oft so berechnet, dass ein Huhn in Bodenhaltung mehr Platz hat." Da seien Bewegungseinheiten ausgeschlossen. Selbst wenn man ins Freie gehe, sei tägliches Turnen aufgrund der Stundeneinteilung schier unmöglich.
Roland Schadl, Lehrer an einer Volksschule im Westen der Landeshauptstadt, stößt ins selbe Horn: "Unter diesen Rahmenbedingungen ist eine tägliche Turnstunde unrealistisch. Es fehlt an Räumen und Sportlehrern. Schadl weiß, wovon er spricht, tourt er doch in der zweiten Hälfte seiner Lehrverpflichtung als Sportlehrer durch mehrere Schulen, um Pädagogen beim Sporteln mit den Kindern zu unterstützen.
BSO-Präsident Wittmann bleibt aber dabei: "Es ist möglich. Wir suchen gerade pro Bundesland eine Schule, an der schon täglich geturnt wird." Man müsse kreativ sein: "Wir bringen gerne die Trainer unserer Sportvereine an Schulen, um Lehrer zu unterstützen. Und man muss eben so oft es geht ins Freie, wenn kein Turnsaal verfügbar ist."
Dem kreativen Ansatz gibt Sportlehrer Schadl wieder recht: "Wir nutzen bei unserem polysportiven Bewegungsprojekt auch öffentliche Plätze für Sport, wenn kein Turnsaal frei ist."
Das Unterrichtsministerium stemmt sich nun mit Budgetzahlen gegen die Kampagne: Pro Jahr würde die tägliche Turnstunde 200 Millionen Euro kosten. Der Konter der Sportvereine: Statt Mehrkosten brächte die Turnstunde künftig bis zu 900 Millionen Euro an Einsparungen im Bereich der Gesundheitskosten.
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