"Hakoah Wien": Genial ins rechte Eck genagelt
Es gibt sie noch, die Theaterwunder. Eines davon kann jetzt im Schauspielhaus Graz fassungslos, beglückt und berührt bestaunt werden: "Hakoah" ist schlicht sensationell.
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In seinem grandiosen Werk "Wie man mit Fußball die Welt erklärt" beschäftigt sich Franklin Foer ausführlich mit dem Wiener Sportverein Hakoah, der in den 1920er-Jahren seine Hochblüte erlebte. Markantestes Merkmal: Der Verein bestand, quer durch alle Sparten, ausschließlich aus jüdischen Sportlerinnen und Sportlern. Die Fußballsektion brachte es, lange, lange ist es her, sogar zu Weltruhm. Das wahnwitzige Endspiel, von den Nazis betrieben, sollte hinlänglich bekannt sein.
Die israelische Regisseurin Yael Ronen nahm gemeinsam mit ihrem kongenialen Bruder Michael den von Foer servierten Ball, bewusst oder unbewusst auf. Beide jonglieren damit wie mit einer an allen Ecken und Enden unrunden Weltkugel und nageln, unterstützt durch ein furios agierendes Ensemble, Sätze und Szenen, um im Jargon zu bleiben, virtuos ins rechte Kreuzeck.
Wie Altmeister George Tabori hält sie sich an die Maxime, dass dem NS-Horror auf der Bühne bestenfalls mit einer Farce beizukommen ist. Exakt 90 Minuten lang führt sie, anhand ihrer eigenen Familiengeschichte, die nach Wien führt, durch die Auswanderung des Großvaters in den so hoffnungsvoll ersehnten neuen Staat Israel seine Fortsetzung findet, aber im Niemandsland endet, eindringlich vor Augen: In unserer Gesellschaft ist, hüben wie drüben, da und dort, die Luft weitgehend draußen.
Eingebettet hat Yael Ronen ihre "Hakoah"-Spurensuche, uraufgeführt im Grazer Schauspielhaus, in ein Fußball-Ambiente. Ein grünes Spielfeld bildet den Bühnenhintergrund, einige Kisten dienen als Mehrzweckmobiliar. Unterlegt von Anfeuerungsrufen zweier Sportkommentare kommt ein Quintett auf die Bühne, in Trainingszeug, mit Jubelposen.
Rasch schlüpfen die Fünflinge in vielerlei Rollen; sie sind schwul, in ihrem Eheleben lädiert, als Seelenkundler selbst erheblich defekt, entwurzelt, heimatlos. Aber die Welt, die sie in zahlreichen Kurzszenen bunt, tönend und nostalgisch kreisen lassen, ist aus ganz besonderer Theatererde geknetet. Scheinbar spielerisch leicht reich gehen sie mit Komödiantentum, hinter dem sich immer wieder verdrängte Vergangenheit zu erkennen gibt, dorthin, wo es weh tut.
So steht auch hinter jeder Figur ein Fragezeichen, gekrümmt wie die Wahrheit, wenn sie von Menschen getreten wird. Hakoah steht für Stärke und Kraft. Enorm stark, aber auch subtil und raffiniert verzahnt präsentiert sich diese fast filmische Geschichte.
Wunderbare Theatermagie wohnt dem Abend inne; ein tiefsinniger, berührender, beglückender Bühnenzauber, ermöglicht auch durch grandiose Mitwirkende: Brigitte Stöger, Knut Berger, Sebastian Klein, Julius Feldmeier und Michael Ronen als schauspielerischer Hochkaräter der Sonderklasse heben jeden konventionellen Bühenrahmen aus den Angeln. Das Publikum: Jubelnd, heftig applaudierend, als wollte es sich eine Zugabe erklatschen. Eine mehr als verständliche Reaktion für ein ganz und gar rares Ereignis. Man schaue und staune selbst, möglichst rasch.



















