"Wir können an der Krankheit wachsen"
Etwa 110.000 Österreicher leiden derzeit an Morbus Alzheimer: Kristina Edlinger-Ploder traf Ex-Model und Demenz-Expertin: Die Politikerin und Sophie Rosentreter sprechen über das wirklich Wichtige im Leben.

Foto © JÜRGEN FUCHSKristina Edlinger-Ploder und die Demenz-Expertin Sophie Rosentreter
Wir verdrängen das wachsende Demenz-Problem. Die Politik kann damit keine Stimme gewinnen, und Sie, Frau Rosentreter, haben Alzheimer-Aufklärung zum Beruf gemacht: Wie können Sie Menschen überzeugen, dass die Krankheit ein Teil unseres Lebens ist?
SOPHIE ROSENTRETER: Das Schicksal meiner demenzkranken Großmutter hat alles verändert. Was wirklich wichtig im Leben ist: Es kommt nicht darauf an, was wir erreichen, sondern wen. Jemanden, der seit Wochen nichts gesagt hat und dann redet - das ist viel stärker als ein Interview in meinem früheren Job bei MTV mit Bon Jovi im Privatjet.
KRISTINA EDLINGER-PLODER: Ich kann Betreuung und Menschlichkeit nicht staatlich nachbauen. Ich sorge für Pflegerahmenbedingungen. Für Pflegeheime, in denen man Demenzkranke nicht abschottet. Arno Geiger hat im Buch über seinen demenzkranken Vater gut verarbeitet, um was es geht: umdenken, Schicksal annehmen. Er entdeckte eine neue Beziehung zum Vater. Auch im Chaos, das die Krankheit hinterlässt.
ROSENTRETER: Schwierig, wenn wir Richtung Politik gehen und sagen: Die sollen für uns alles übernehmen. Soll ich nicht auch einmal stehen bleiben und mich auf eine Begegnung einlassen?
Aber wie erkläre ich das einer Verkäuferin, die ihre Mutter pflegen soll, aber arbeiten muss, weil das Geld nicht reicht?
ROSENTRETER: Wir konnten meine Großmutter mit dem Geld, das sie hatte, betreuen und sieben Jahre zu Hause pflegen. Meine Mutter ist letztlich daran zerbrochen, weil sie niemand aufgeklärt hat. Viele glauben, dass sie nur selbst die Betreuung schaffen und vergessen auf sich. Mit anderen zu reden, Hilfe anzunehmen - das ist wichtig. Und Aufklärung durch Fachleute.
EDLINGER-PLODER: Es gibt Projekte für solche Fälle. Aber auch Hindernisse. In den Fällen müssen wir eben aufklären und helfen.
Trotzdem gibt es Probleme.
EDLINGER-PLODER: Nicht einmal ein neues Alzheimer-Medikament kann uns ersparen, dass wir lernen müssen, mit Demenz umzugehen. Und ich sage es immer wieder: Altersheime müssen ins Zentrum, viele wollen in die Kirche oder nur den Kirchturm sehen, eine Kleinigkeit einkaufen. Senioreneinrichtungen müssen sichtbar sein . . .
ROSENTRETER: . . . sichtbar sein und auch die Angehörigen sichtbar machen, wenn sie Hilfe brauchen - das ist ein Zeichen der Stärke. Wir haben in Deutschland ein Projekt: Kinder treffen Demenzkranke. Bei aller anfänglichen Skepsis läuft das heute wunderbar. Alzheimer ist kein Tabuthema mehr. Keine Krankheit ist schön, aber es gibt schöne Momente in der Begegnung. Und an der Krankheit können wir selber auch wachsen.















