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Zuletzt aktualisiert: 07.10.2012 um 05:04 UhrKommentare

Günter Brus: "Man hätte sich entschuldigen müssen"

"Die Gärten der Exosphäre" nennt sich die Werkschau von Günter Brus im Joanneum. Der Künstler und seine Frau Anni über ihre ultimative Zerreißprobe, die Zähmung im Alter und die Defizite der Kulturstadt Graz.

Bruseum: Anni & Günter Brus, Ludwig Attersee

Foto © UMJ/LACKNER Bruseum: Anni & Günter Brus, Ludwig Attersee

Herr Brus, Sie galten einst als Bürgerschreck, heute sind Sie Staatspreisträger und haben Ihr eigenes Museum, das Bruseum. Sehen Sie das mit Genugtuung?

GÜNTER BRUS: Sicher, andererseits habe ich den Preis bis zu einem gewissen Grad erwartet.

Wie gefällt Ihnen das Bruseum?

GÜNTER BRUS: Ich hatte nicht erwartet, dass es so außerordentlich schön wird. Mit der Lösung im Joanneumsviertel sind meine Frau und ich hochzufrieden. Es liegt mitten in der Stadt, was eine unumgängliche Bedingung war. Ich wollte nicht aufs Land wie viele meiner Künstlerkollegen.

ANNI BRUS: Und Kurator Roman Grabner ist ein absolutes Genie. Er hat die Brus'sche Arbeit verstanden wie noch niemand.

Hätte sich der junge Aktionskünstler den heutigen, anerkannten Künstler vorstellen können?

GÜNTER BRUS: Als ganz junger bestimmt, weil ich damals ein bisschen größenwahnsinnig war. Ich hatte immer das Gefühl, ans Äußerste gehen zu müssen, um entsprechende Resonanz zu finden. Aber so schnell geht das nicht, man wird durch verschiedenste Rückschläge zurückgeworfen.

Sie wurden aufgrund Ihrer Aktionen polizeilich verfolgt und flohen schließlich nach Deutschland.

GÜNTER BRUS: Das ging schon bei den ersten Aktionen los, die Polizei war wegen jedem Kinkerlitzchen da. Es herrschte großes Unverständnis, da die Bevölkerung und auch die Kunstwelt nicht darauf vorbereitet waren: auf diesen enormen Bruch mit der Malerei, diese plötzliche Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit.

Das muss doch aber auch intendiert gewesen sein.

GÜNTER BRUS: Natürlich war es auf Provokation angelegt, aber das Ausmaß war nicht absehbar.

War es schmerzhaft, Österreich verlassen zu müssen?

GÜNTER BRUS: Schmerzhaft nicht, anstrengend trotzdem. Ich stand im Fahndungsbuch, aber Anni und ich hatten das Glück, an der Grenze nicht kontrolliert zu werden. Letzten Endes lief alles gut, in Berlin kam bald eine Documenta-Einladung und auch meine erste Ausstellung in Köln. Es ging Schritt für Schritt vorwärts.

Ihre radikalste Aktion war die "Zerreißprobe" 1970 in München, mit der Sie die aktionistische Phase beendet haben. War das schon als letzte Aktion geplant?

ANNI BRUS: Nein. Es gab damals heftige Diskussionen zwischen uns beiden, ich konnte schon die Aktionen mit den Selbstverletzungen nicht weiter mittragen. Wir hatten ein Kind. Er hatte geplant, sich an den Füßen anzunageln. Das war mir zu heftig. Ich hab gesagt: Entweder - oder.

GÜNTER BRUS: Nach der Zerreißprobe war ich in einer künstlerischen Krise. Gezeichnet habe ich schon immer, dann kam das Angebot eines Verlags, ein Buch über meine Aktionen zu machen. "Irrwisch" war eigentlich der Anfang der Bild-Dichtungen.

Wie hat man damals auf diesen Bruch reagiert?

ANNI BRUS: Unser Galerist konnte das nicht verstehen: Ein Aktionist? Zeichnet plötzlich? Märchenhafte Blätter? In Wien lautete eine Artikelüberschrift: "Ein Wilder ist zahm geworden".

Und? Sind Sie zahm geworden?

GÜNTER BRUS: Alle werden irgendwie zahmer im Alter. Die Anlässe für die Rebellion sind auch verschwunden. Mit der Liberalisierung durch Kreisky hatte sich die Aggression langsam abgebaut. Man hatte keinen Grund mehr, auf Staat und Kirche loszugehen.

Also wäre ein Wiener Aktionismus heutzutage unmöglich?

ANNI BRUS: Die Probleme sind jetzt globalisiert. Man muss heutzutage global arbeiten, auch künstlerisch. Das kann nie mehr regional passieren. Das ist ganz wichtig.

GÜNTER BRUS: Es kommt ganz darauf an, wo man lebt. Pussy Riot in Russland haben unter einem Druck gelitten wie wir damals. In Belgien oder Frankreich kann ein Künstler nicht provozieren.

Hat sich der Staat eigentlich jemals bei Ihnen entschuldigt?

GÜNTER BRUS: Jetzt ist es viel zu spät, aber man hätte sich dafür entschuldigen müssen, weil ich in Berlin zittern musste. Weil dieser Paragraf auch in eine Geldstrafe hätte umgewandelt werden können, das hat nur niemand gesagt. Ich hätte überwiesen und meine Ruhe gehabt. Insofern bin ich schon noch vergrollt.

Wie war es für Sie, nach Österreich zurückzukehren?

ANNI BRUS: Wir sind eigentlich unserer Tochter gefolgt: Diana war immer ganz hin und weg von Graz. Jetzt hat sie La Strada (Anm.: Diana Brus ist La-Strada- Organisatorin), das passt.

GÜNTER BRUS: Gegenüber der Stadt hatte ich trotzdem Vorurteile, ich bin ja hier aufgewachsen, kannte es noch nicht entnazifiziert.

ANNI BRUS: Graz war eine gute Entscheidung. Wir leben gern hier.

Verdient Graz den Titel Kulturhauptstadt? Gibt es Kritik?

ANNI BRUS: Das Joanneumsviertel müsste näher an die Stadt herangeholt werden, es ist bislang ein totes Eck.

GÜNTER BRUS: Das Kunsthaus stolpert über die Innengestaltung. Die ist, das muss ich lauthals herausschreien, ein Skandal! Der steirische herbst ist uninteressant geworden, ich sage immer "steirischer sterbst". Vielleicht mögen das viele, ich kann damit nichts anfangen.

Gerade wurde eine Ausstellung eröffnet, was kommt als Nächstes?

GÜNTER BRUS: Es gibt viele Pläne. Das nächste Thema im Bruseum wird das Theater sein, außerdem möchten wir eine William-Blake-Ausstellung machen. Für "Wien Modern", am 31. 10., im Tanzquartier, mache ich das Bühnenbild.

ANNI BRUS: In Prag wird nächste Woche eine Ausstellung zum Weiblichen im Wiener Aktionismus eröffnet. Die erste Aufarbeitung. Für mich war es auch nicht leicht, sich nackt auszustellen.

NINA MÜLLER

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