Gewinner sehen anders aus
Frisch und heutig will Goethes "Clavigo" in der Inszenierung von Alexandra Liedtke auf der Probebühne des Schauspielhauses sein. Ein cooler und doch blasser Abend.

Foto © Lupi SpumaRegisseurin Alexandra Liedtke fing mit Clavigo (Christoph Rothenbuchner mit Seyneb Saleh im Liebesballett) als modernem Mann wenig an
Unter dem Dach des Grazer Schauspielhauses sollen Experimente stattfinden, die Probebühne gilt als Nährboden für neue Texte. Immer wieder dürfen dort auch Klassiker gegen den Strich gebürstet, entstaubt oder ganz nah am Publikum gespielt werden. Nun also Goethes "Clavigo", ein Trauerspiel, das er 1774 voll schöpferischer Sprachkraft in einer Woche schrieb.
Ehrgeizling Clavigo, der mit seiner Zeitschrift "Der Denker" als einer der führenden Köpfe gilt, brach sein Eheversprechen gegenüber der in Madrid lebenden Französin Marie "ohne Stand", das ihm auf dem Weg zu den Mächtigen keine Hilfe wäre - hat er doch "die Hälfte der Wanderungen noch nicht gemacht", wie ihm Freund Carlos einflüstert. Marie liebt ihn aber noch, er bekennt Reue oder gibt sie zumindest vor, die Tragödie ohne Gewinner hat längst begonnen.
Alexandra Liedtke startet ihre 90-minütige Inszenierung in einem flotten Tempo - und kommt bald rhythmisch aus der Spur, da sie mit Versatzstücken des Regie-Theaters der 90er-Jahre ermüdet. Plötzliche "Brechungen" ins Private machen den Abend nicht spannender, bieten keine Ebene, die mehr erzählt. Die vierte Wand aufzureißen, um mit dem Zuschauer direkt zu kommunizieren, ist ein alter Hut. Requisiten wie ein Duty-free-Sackerl sollen auf die Heutigkeit verweisen, die Titelfigur kann Liedtke jedoch nicht auf einen Mann übersetzen, der heute die Liebe der Karriere opfern würde. Da helfen auch große Schlagworte (Wut, Vergebung etc.) fast wie in Kinoszenen nichts.
So bleibt Christoph Rothenbuchner ein blasser Clavigo, nur die Frauen (Neuzugang Seyneb Saleh und Gast Anna Rot) spielen situativ mit den anderen, lassen einen Blick auf den Menschen darunter durch. Bei den Männern geht jeder seinen Weg allein. Womöglich auch ein Konzept. Dennoch langer Applaus.
"Clavigo" von Johann Wolfgang von Goethe. Probebühne des Grazer Schauspielhauses. Termine: 10., 12., 19. und 30. Oktober, jeweils 20 Uhr. Karten: Tel. (0 31 6) 80 00.
Features
Fakten
Bartleby oder Sicherheit ist ein Gefühl. Von Boris Nikitin. Ein Projekt zu den Themen Freiheit und Sicherheit. Wiederaufnahme ab 9. Oktober.
X-Freunde. Von Felicia Zeller. Österreichische Erstaufführung ab 23. Oktober. Eine irrsinnige und humorvolle Betrachtung unserer Stressgesellschaft.
Wanda. Von Lilka Dyderska. Intendantin Anna Badora inszenierte erstmals auf der Probebühne. Wiederaufnahme ab 28. November.
Abgesoffen. Nach dem Roman von Carlos Eugenio López. Österreichische Erstaufführung. Premiere im Jänner 2013.
Lehrerzimmer 8020. Eine Koproduktion mit dem Theater im Bahnhof als Uraufführung. Premiere im März 2013.


















