Hinschauen, wenn andere hinhauen
Spielerischer Ernst: Die Straßentheater-aktion "Mut.Proben" reißt Passanten aus dem Alltagstrott und zwingt sie, nicht wegzuschauen. Bleibt nur eine Frage offen: Was würden Sie tun?

Foto © EderDer rote Faden als Symbol für das soziale Netzwerk
Ein Herbstnachmittag in Graz, zäh stülpt sich die erste Dunkelheit über den Mariahilferplatz. Deshalb wirft der Angreifer auch keine Schatten. Stumm tritt er auf sein Opfer ein, das sich schützend die Hände vor das Gesicht hält und von dem bereits kein Mucks mehr zu hören ist. Gänsehaut. "Wieso tut keiner was?", schreit jemand schrill und zerschneidet die Stille. "Es geht uns nichts an", so die stoische Antwort der Gruppe. "Es geht uns nichts an." Ja, es ist kalt geworden auf dem Mariahilferplatz. Und daran ist nicht der Schatten schuld.
Spiel oder Wirklichkeit? Straßentheater mit dem kleinen Schock für zwischendurch: Die Straßentheateraktion "Mut.Proben" von InterACT ist ein Teil der Kampagne "Sozial verbindet" des Sozialamts der Stadt Graz. Verschiedene Szenarien zum Thema Zivilcourage sollen die Leute wachrütteln. Schläge, Diskriminierung, Wegschauen: drei Arten der Gewalt, allesamt schmerzhaft. Dazu gibt's kleine Kartonkärtchen mit Sprüchen wie "Haben Sie genug Zeit für andere oder denken Sie lieber an sich selbst?" oder "Schauen Sie lieber zu oder weg, wenn jemand Hilfe benötigt?" Sätze, die zum Nachdenken anregen sollen.
Michael Wrentschur, Inter-ACT-Leiter: "Wir haben uns an Situationen orientiert, die wir alle schon einmal erlebt haben. Sie sind aber so verfremdet, dass man relativ schnell erkennt, dass es sich um Schauspiel handelt, trotzdem gibt es immer wieder Leute, die herkommen und sich erkundigen, ob alles in Ordnung ist. Einige tun wirklich etwas."
Theorie und Praxis
Helfen klingt gut in der Theorie. Die Praxis sieht leider etwas anders aus. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts IMAS im Jahr 2010 sind zum Beispiel 83 Prozent der Österreicher der Meinung, dass man einer Frau, die sexuell belästigt wird, helfen sollte, aber nur 67 Prozent würden dieses Vorsatz auch in die Tat umsetzen. Nur 60 Prozent würden für einen Obdachlosen Hilfe holen und bloß 58 Prozent würden bei Schreien aus einer Wohnung Nachforschungen anstellen.
Zurück auf dem Mariahilferplatz. "Räumts den weg!" und "Schäm dich!", schreit eine Frau, während sie auf den am Boden liegenden Burschen zeigt. Einige schauen von ihrem Rad auf ihn herab, andere spazieren mit ihren Hunden vorbei, die bellen. Einzig eine alte Dame erkundigt sich: "Geht's dem Mann auch wirklich gut?" Sie ist an diesem Tag die Einzige, die innehält und wirklich nachfragt. Und das, obwohl sie sich selbst auf einen Rollator stützt.
Features
Termine
Wer sich der "Mut.Probe" stellen will, kann heute ab 12. 30 Uhr beim Tummelplatz vorbeikommen.
Weitere Termine: Donnerstag, 27. September ab 12.30 Uhr am Eisernen Tor. Samstag, 29. September ab 12 Uhr am Hauptplatz.













